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Jazz

Friedrich Gulda: Im Sandkasten des Zeitgenössischen

  • VonHans-Jürgen Linke
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Eine Komposition von Friedrich Gulda, ein entfernter Verwandter und vier Mal guter alter Jazz.

Friedrich Guldas Nachruhm basiert vor allem auf seinen Bach-, Mozart- und Beethoven- Interpretationen und zweitens auf seinem zuweilen exzentrischen Auftreten. Und natürlich drittens auf seiner Liebe zum Jazz, der noch nicht free war, sondern im wesentlichen einem swingend untermalten Verständnis des Bebop folgte. Dass Friedlich Gulda auch als Pianist in Jazz-Combos arbeitete, galt seinem zahlenden Publikum als eine liebenswerte Marotte.

Aus dieser Phase stammen die Aufnahmen mit dem Kontrabassisten Hans Last, der mit dem Vornamen James als Bandleader und Erfinder des Party-Sounds bekannt wurde, und dem Schlagzeuger Karl Sanner. Sie entstanden 1958 im legendären Rolf-Liebermann-Studio des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg, und sie führen nicht die rebellisch getönte, nervöse Großstadt-Musik vor, die der Bebop in seinen Anfängen war, sondern eine filigrane, subtil mit den harmonischen Schemata spielende und rhythmisch markant lässig swingende Musik.

Friedrich Gulda tat das mit einer – wen wundert’s – enormen spieltechnischen Kompetenz: So spielte man diese Musik, wenn man es konnte und wenn man sie liebte. Verstörend ist daran nichts. Gulda wollte nicht den Jazz-Horizont erweitern, sondern die gängigen Schranken zwischen E- und U-Musik überwinden.

Dass er auch komponierte, gilt heute eher als Randnotiz in seinem Aufsehen erregenden Interpreten-Leben. Seine meistgespielte Komposition ist ein Konzert für Violoncello und Blasorchester mit den Sätzen Ouverture – Idylle – Cadenza – Menuett – Finale alla marcia. Das Werk mischt provokant, was im Kopf eines (österreichischen) Musikhörers seinerzeit koexistierte: Rock, lyrische Musik im romantischen Idiom, Heurigenbegleitklänge, eine virtuose Cello-Solokadenz, ein barockes Menuett, Jimi Hendrix’ „Purple Haze“. Gewidmet war es Heinrich Schiff, der auch der Solist der Uraufführung war.

Bei der aktuellen Einspielung mit dem Bläserensemble der NDR Radiophilharmonie unter der Leitung von Gerd-Müller-Lorenz hat Oliver Mascarenhas den Solo-Part übernommen. Er tut das mit immenser Virtuosität, trennscharfer Stilsicherheit, einer zuweilen verräterisch durchleuchtenden Spielfreude und einem wunderbar ausgekosteten Verzerrer-Sägeton in der Hendrix-Passage.

Das Album wird komplettiert durch drei Kompositionen für Violoncello und Klavier von Nikolai Kapustin, einem musikalisch ähnlich wie Gulda gelagerten Crossover-Temperament. Allerdings verstand er sich eher als Komponist denn als Pianist. Seine profilierte Arbeit als Jazzpianist und Arrangeur diente vor allem dem Lebensunterhalt. Er war etliche Jahre lang Mitglied des staatlichen russischen Filmorchesters und arbeitete seit 1984 als freier Komponist und Pianist.

Die drei Stücke auf dem Album mit den Opuszahlen 96 bis 98 sind spätromantische, transparente Kammermusik, in der gelegentlich jazzige Stilzitate aufleuchten. Es gibt aber keine improvisierten Passagen, und der Parameter der Rhythmik ist weniger markant gestaltet als im Jazz üblich. Mascarenhas fein singender Cello-Ton und Johannes Nies’ enorm aufmerksames Klavierspiel zeichnen liebevoll eine filigrane Musik, die gleichwohl zuweilen ein wenig aus der Zeit gefallen anmutet. Ganz anders eben als Gulda, der als Komponist eher mit vielen Förmchen mitten im Sandkasten des Zeitgenössischen saß und einfach wegließ, was ihm nicht zusagte.

Oliver Mascarenhas: Friedrich Gulda, Konzert für Violoncello und Blasorchester; Nikolai Kapustin, Drei Stücke; Friedrich Gulda spielt Jazz. Dreyer Gaido / Note 1 Musikvertrieb.

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