Violinist Joshua Bell.
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Violinist Joshua Bell.

Alte Oper Frankfurt

Freiwillige Selbstkontrolle

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Joshua Bell und die Academy of St Martin in the Fields spielen gemeinsam und traumwandlerisch sicher.

Das Orchester als mechanisches und organisches Wunderwesen zeigt seine einsame Stellung innerhalb der fabelhaften menschlichen Erfindungen besonders eindrucksvoll, wenn es ohne Dirigenten spielt. Man wird den Eindruck nicht los, dass der Violinist Joshua Bell, der auf einem Klavierhocker den Konzertmeister um einen Platz nach links verdrängt hat, noch weit weniger unternehmen könnte, und die Musikerinnen und Musiker der Academy of St Martin in the Fields würden Ludwig van Beethovens 6. Sinfonie immer noch sorgsam, milde und homogen abspulen. Etwas abzuspulen ist eine hochgradig anspruchsvolle Aufgabe, wenn Dutzende hochspezialisierte Personen mit künstlerischer Präzisionsarbeit zum Gelingen beitragen müssen.

Interessant also: Nach dem offiziellen Saisonauftakt-Konzert der Frankfurter Alten Oper mit Christian Thielemann als perfektionistischem Tonkontrolleur der wahrlich spektakulär aufspielenden Sächsischen Staatskapelle bot nun die Konzertagentur Pro Arte zum Spielzeitbeginn am selben Ort eine Art Gegenentwurf. US-Amerikaner Bell, seit 2011 musikalischer Leiter der von Sir Neville Marriner 1958 gegründeten Academy, saß über weite Strecken unter den Orchestermitgliedern. Dort war er aber höchst lebhaft zugange, nicht nur wegen seines individuellen Sitzes weit mehr Erster unter Gleichen als ein Konzertmeister in dieser Situation. Ein Solist wird immer mehr Luft benötigen als ein Orchestermusiker, ob er damit in der Doppelfunktion auch wirklich mehr erreicht als ein fitter Konzertmeister: Schwer zu sagen.

Felix Mendelssohn Bartholdys Sommernachtstraum-Ouvertüre gelang hurtig und licht nach Art des zutiefst erfahrenen Klangkörpers. Anschließend rückte Bell stehend in die Mitte für Max Bruchs „Schottische Fantasie“, die gut dazu passte als ein schwermütiges und -blütiges Pendant. Jetzt hörte man auch den Solisten Bell, der das Hochland dezent strahlen ließ. Wenn er beim besten Willen nicht mehr dirigieren konnte, übernahm der Konzertmeister auf diskrete Konzertmeister-Art. Manchmal kam es kurzzeitig zu einem Doppeldirigat der Geigenbögen, aber nichts konnte die Academy of St Martin in the Fields aus ihrer traumwandlerischen, fischschwarmhaften Sicherheit bringen.

Nach der Pause also die „Pastorale“, deren sommerliche Leichtig- und Behendigkeit sich für eine Kammerorchester-Formation eignet, zumal eine, die die Fülle des Wohllauts so souverän herstellt, dass man eine größere Besetzung nie vermisst. Bell saß jetzt wieder in der Reihe, setzte manchmal aus, um etwa den murmelnden Bach in seiner Bahn zu halten. Schon die Länge einer Sinfonie erhöht gewiss die abenteuerliche Seite des Unterfangens. Andererseits klang es gar nicht abenteuerlich. Es war schön, es war keine Entdeckungsreise zu einem unbekannten Krater auf dem Planeten Beethoven. Wer freilich nicht glaubt, dass ein Orchester und ein Geiger das können, nur mit ein paar wenigen Blicken und dem, was keiner sieht und doch da ist, der wurde hier belehrt. Bell kann es, seine Academy kann es.

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