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Abenteuerliche Herkunftsgeschichte: Freddy Quinn. Cornelia Gus/dpa
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Abenteuerliche Herkunftsgeschichte: Freddy Quinn. Cornelia Gus/dpa

Musik

Freddy Quinn war stets ein Vagabund, nicht nur in seinen Liedern

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Sein tiefer Bariton gehörte zur Tonspur mehrerer Generationen. Nun feiert Freddy Quinn seinen 90. Geburtstag.

Sonore Stimme, klare Intonation, einfache Botschaften – so haben zumindest ältere Zeitgenossen den Sänger Freddy Quinn vor Augen, der in stoischer Haltung und tiefem Bariton Seemannslieder zum Besten gab, die sich geradezu demonstrativ von der sich modernisierenden Welt der späten sechziger-Jahre abwandten. „Junge, komm bald wieder“ ist einer der erfolgreichsten deutschen Schlager aller Zeiten, und er schien betont die einfachen Gefühle gegen eine immer komplizierter werdende Welt zu mobilisieren. Das Lied handelt von den Sorgen einer Mutter um den zur See fahrenden Sohn. „Bleib nicht zu lange fort“, flehte die Mutter. Freddy präsentierte seinen mit Sprechgesangspassagen dramatisierten Song stets korrekt gekleidet, in stoischer Haltung, seine ganze Erscheinung war Anti-Pop.

Aber natürlich war er eine begehrte Erscheinung der populären Musik, seine melancholische Grundhaltung fügte sich prima ein in das Gesamtbild einer überdrehten Schlagerfröhlichkeit, mit der er, ähnlich wie sein blonder Kollege Heino, auf die Traditionsbestände des deutschen Liedguts zurückgriff, das doch eigentlich durch die nationalsozialistische Indienstnahme diskreditiert war. Freddy indes war ein gern gesehener Gast in den Fernsehshows, in denen er von großen Orchestern, zum Beispiel von Bert Kaempfert und James Last, begleitet wurde. Eher selten war er beim legendären Branchentreff in der ZDF-Hitparade zu sehen, in der er 1969 mit „Alle Abenteuer dieser Erde“ auftrat, das dann allerdings von den Zuschauern nicht wiedergewählt wurde.

Weite, Wellen, Fremde

Die Welt des Freddy Quinn, so lautete das deutliche Signal an seine konservative Hörerschaft, ist einfach strukturiert und drückte sich in Liedern aus wie „Schön war die Zeit“, „La Paloma“ und „Die Gitarre und das Meer“. Weite, Wellen und die Fremde waren Sehnsuchtsgebiete, in die Freddy hinauszog, um sie mit der Erfahrung eines einsam-soliden Mannsbildes zu verbinden, der die durchlebten Gefühle in Heimatliebe überführt.

Anfangs mag es als willkommener und attraktiver musikalischer Kontrast zu den nicht zuletzt vom Jazz geprägten Schlager-Kollegen wie Roy Black und Udo Jürgens aufgefasst worden sein. Dann aber sah sich Freddy Quinn wohl auch ermuntert, in ideologischer Hinsicht die Schlagzahl zu erhöhen. Deutlichster Ausdruck dieser Entwicklung ist der Song „Wir“ aus dem Jahr 1966, in dem er sich angesichts der heraufziehenden gesellschaftlichen Revolte mit dem jungen Zivilisationstyp des Gammlers beschäftigt und ganz ausdrücklich gegen ihn polemisiert, indem er einem imaginären Wir eine Stimme gibt, die als schweigende Mehrheit adressiert wird. Der Song „Wir“ erschien als B-Seite der Single „Eine Handvoll Reis“, ein Lied, in dem Freddy sich mit der US-amerikanischen Kriegspolitik in Vietnam identifizierte. Aus dieser Haltung heraus führte kein Weg in das blumige San Francisco, das bald Scott McKenzie anstimmen sollte.

Trotz dieser erstaunlichen Politisierung, die bei vielen Kollegen spätestens ab den 70er-Jahren eher in Richtung Liberalisierung tendierte, galt Freddy Quinn als integraler Bestandteil der deutschen Schlagerwelt, dessen regional gefärbte Lieder ihn als idealtypischen Norddeutschen auswiesen, in seiner Wahlheimat Hamburg war er Anfang der 80er-Jahre sogar zum Ehren-Schleusenwärter ernannt worden.

Gelebt und erlitten

Hinter der Kunstfigur des Seefahrers Freddy blieben eine abenteuerliche Herkunftsgeschichte und seine Heimatsuche weitgehend verborgen. 1931 als Sohn eines Kaufmanns irischer Abstammung und einer österreichischen Mutter in Wien geboren, wuchs Freddy zunächst in Morgantown, West Virginia in den USA auf, kam dann aber zur Mutter nach Wien, wo er als Jugendlicher in einem NS-nahen Fanfarenzug des Deutschen Jungvolks spielte. Das Kriegsende erlebte Freddy in einem Lager der sogenannten Kinderlandverschickung in Ungarn, es folgten vorübergehende Aufenthalte in den USA, Unterbringungen in Heimen und ein frühes Engagement beim Zirkus, wo er als Kapellmeister und Akrobat arbeitete. Das von Freddy in seinen Liedern besungene Leben in der Fremde und Erfahrungen des Abhauens hatte er sich also nicht nur musikalisch angeeignet, sondern inklusive des Bedürfnisses nach Heimat von früher Jugend an gelebt und erlitten. Freddys Lieder waren existentialistischer, als viele seiner Fans ahnten.

In den 70er-Jahren tendierte Freddy Quinn verstärkt in Richtung Country und reüssierte damit auch in den USA, etwa bei einem Konzertauftritt in der New Yorker Carnegie Hall 1981. Wenig später moderierte er im ZDF die Sendung „It’s Country Time“, in der unter anderen Johnny Cash, Dave Dudley und die junge Emmylou Harris als Gäste auftraten.

Vor mehr als zehn Jahren hat sich Freddy Quinn weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er lebt seit geraumer Zeit in Hamburg, wo er nun seinen 90. Geburtstag feiert.

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