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Edita Gruberová in der Oper Frankfurt. 

Oper Frankfurt

Frech wie Rosina und Adele

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Edita Gruberová erweist sich beim Besuch in Frankfurt letztlich als unschlagbar.

Die Zeit lässt sich nicht besiegen, aber man muss es wenigstens versuchen. Vor ein paar Tagen erst hat die 72-jährige Edita Gruberová in München von der Opernbühne Abschied genommen, aber, was für ein Glück, da steht sie schon wieder – und, sieh mal einer an, es ist eine Opernbühne – und klagt mit Cleopatra und Beatrice, wird hochdramatisch mit Alaide, wahnsinnig mit Ophelia, und frech wie Rosina und Adele ist sie auch. Ja, die Operette bekommt Platz, und ein solches Tirili und Tralala und so eine abgefeimte Vielseitigkeit all dessen, was einer menschlichen Singstimme überhaupt möglich ist, wird man selten im Leben so zu hören bekommen, wie Edita Gruberová es in Johann Strauß’ „Frühlingsstimmen-Walzer“ geradezu hüpfend verstreut. Man muss es sich leisten können, nicht aufzuhören, und Edita Gruberová hat sich in Acht genommen und nimmt sich in Acht.

Schon singt sie wieder Oper

Das Programm, mit dem sie jetzt in der prächtigen Liederabendreihe in der Oper Frankfurt zu Gast war, ist in der Abfolge unorthodox, aber sie wird sich gut überlegt haben, was sie sich vornimmt. Auch hat das Publikum nichts dagegen, zwischen einer Arie aus Bellinis „La straniera“ und der Wahnsinnsszene aus Ambroise Thomas’ „Hamlet“ dem Klavierbegleiter Peter Valentovic zuzuhören, wie er der Sängerin mit einer vehementen Kaffeehaus-Improvisations-Variante von Rachmaninows 2. Klavierkonzert eine Erholungspause ermöglicht.

Ein faszinierender Abend, nicht nur weil eine große Sopranistin sich im Alter zu Recht feiern und mit Blumen beschenken lässt (die nicht hurtig fortgebracht, sondern auf dem Flügel aufgetürmt werden). Es ist auch immer noch ein Erlebnis, sie singen zu hören, und es ist immer mehr ein Erlebnis, ihre stupende Technik vorgeführt zu bekommen: das inzwischen vorsichtige, aber meisterliche Ansetzen der Töne, die strahlenden Höhen – erst noch höher wird die Luft dann dünn, die Intonation sekundenweise wackelig –, die abgemilderten, aber trefflichen Koloraturelemente, die Spannbreite an Ausdruckskraft – vermittelt noch mehr durch eine sprechende Singstimme (bei suboptimaler Textverständlichkeit) als mit dem gleichfalls lebhaften, auch hinreißend selbstironischen Spiel. „Ach, wir armen Primadonnen“, seufzt Edita Gruberová ins Publikum, das noch eine Zugabe will, und singt den einschlägigen Song aus Millöckers „Armem Jonathan“.

Der gewagteste Programmteil: Lieder von Richard Strauss, in denen Gruberová einen ruhevollen Ton anschlägt, eine Mischung vielleicht aus Vorsicht und dem Respekt der Koloraturexpertin gegenüber der breiten Fülle des Wohllauts. Daraus erwächst aber eine Überempfindlichkeit, die Reiz und Melancholie hat, und das zart angesetzte „wie einst im Mai“ („Allerseelen“) entfaltet dadurch erst recht Wirkung. Bezaubernd gurgeln Stimme und Klavier im „Ständchen“, wobei Valentovic insgesamt als eher robuster Begleiter auftritt und Gruberovás Walzer-Zartheit gassenhauerisch ironisch untermalt.

Die Diva nimmt den Applaus huldvoll und in aller Ruhe entgegen. Unprätentiöse, souveräne Bühnenkunst in jedem Augenblick. Zu den Zugaben gehört Adeles „Aber Herr Marquis“ aus der „Fledermaus“, eine hier besonders tolldreiste Mehrfach-Camouflage. Die Zeit lässt sich nicht besiegen, aber man sollte das nicht einfach hinnehmen.

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