Frankfurter Kantorei

Frankfurter Kantorei: Was zu Bachs Zeit wirklich modern war

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„Himmelsstürmer des Spätbarock“ mit der Frankfurter Kantorei.

Optimal positioniert vor der Rückwand des Altarraums aus Naturstein in der Wartburgkirche befanden sich die Sängerinnen und Sänger der Frankfurter Kantorei. Davor die Camerata Frankfurt als ihr instrumentaler Mitstreiter. Ein Auftritt mit originellem Programm, das zwar Werke aus der Schaffenszeit des großen Johann Sebastian Bach enthielt, nicht aber solche von ihm. Vielmehr ging es um Vorbilder und Konkurrenten, die unter dem Konzert-Motto „Himmelsstürmer des Spätbarock“ standen. Wobei meist religiös fundierte Anlässe mit stürmisch-drängerischer Neuorientierung der musikalischen Entwicklung verbunden waren.

Es ist schon kurios: Nicht nur der vollprofessionalisierte Musikbetrieb, sondern auch der halbprofessionelle und laienhafte hat seine Trampelpfade, auf denen der Bach zum Mainstream gemacht worden ist. Die Namen Johann Adolph Hasse oder Jan Dismas Zelenka liest man dagegen so gut wie nie in Chormusikprogrammen. Namen von Komponisten, die jetzt in der Wartburgkirche ihren Klangraum fanden und einst am Dresdner Hof mit seiner blühenden Kunst gegenüber dem Fugen-Titanen aus Eisenach die Nase vorn hatten. Da nutzte Bach damals auch die Verfertigung seiner h-Moll-Messe als Anwartschaft auf höhere Aufgaben in Sachsen nichts, um aus der Bescheidenheit seiner Leipziger Bestallung herauszukommen.

Die Probe aufs Exempel ließ jetzt aus gebührendem Abstand zwar keinen Zweifel, dass dem Thomas-Kantor niemand das Wasser reichen konnte. Aber damals sprudelten die kompositorischen Quellen der Kollegen eben zeitgemäßer, und der gleitende, gebundenere und elegantere Duktus, der vereinfacht und irgendwie natürlich und bescheidener wirkte, war up to date.

Die Frankfurter Kantorei war ideal eingestimmt auf dieses in der Fallhöhe verkleinerte und entspannte Geschehen in Zelenkas letzter Messe, der „Missa Omnium Sanctorum“. Ebenso in Hasses dramatisch-affektorientierter Turbulenz der „Mea tormenta properate“-Arie, wo der Countertenor Philipp Mathmann brillierte. Zweifelsfrei ist seine Stimme noch strahlender und in dynamischer Differenz blendend beim Einsatz auf getragenen Höhenzügen.

Im Verein mit dem klar geführten, resonanzreichen Alt von Ulrike Malotta kamen herrliche Schattierungen der beiden Stimmcharaktere zustande (Arie aus Händels „Giulio Cesare in Egitto“). Florian Cramer und Frederic Moerth vervollständigten die exzellente Solistenriege.

Was die Camerata kann, bewiesen die perfekt genommenen Vertracktheiten im Wechselbad von getüftelt-gelehrt und munter-musikantisch in Hasses „Grave e Fuga“. Ein Werkstück, das Dirigent Winfried Toll mit beflügelnder Verve formte.

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