Night of the Proms

Festhalle: Die klingende Christbaumkugel

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Und alle, alle sind gekommen: Eine üppige „Night of the Proms“ in der Frankfurter Festhalle.

Die Night of the Proms ist eine Art reich verzierter Christbaumkugel in XXL, die unaufhaltsam über den Gaben- und den Festmahltisch rollt, sich mit Streichersoße bekleckert, zur Discokugel mutiert und am Ende an einem Teller zerschellt. Dann klettert John Miles aus den Scherben und spielt gute Musik.

Bis dahin gilt es einiges zu ertragen. Eine mit Rotwein gegurgelte Arie „Nessun Dorma“ von Sopran Natalie Choquette etwa. Die Kanadierin kaspert sonst ganz sympathisch durch die Opernwelt, aber Spaghetti, die über die Bühne fliegen, und aus vollgestopftem Mund sprühende Pastapartikel hätte sie sich sparen dürfen. Leslie Clio aus der fünften Staffel von „Sing meinen Song“ versucht, mit Gezappel das Publikum in Stimmung zu bringen. Aber dafür braucht es die Veteranen von Earth, Wind & Fire, genauer von Al McKay’s Earth Wind & Fire Experience, denn Gitarrist Al McKay ist der einzige aus dem Quartett, der schon mal bei der legendären Disco-Soul-Truppe gespielt hat.

Wir lernen, dass die Frontmänner der Hooters, Eric Bazilian und Rob Hyman, nicht nur für folkig angehauchte 80er-Hymnen wie „Johnny B.“ oder „All You Zombies“ verantwortlich zeichnen. Von Hyman stammen auch Cyndi Laupers „Time After Time“ und Joan Osbornes „One Of Us“.

All das erklingt natürlich, wie es sich für das 1985 in Belgien erdachte Night of the Proms-Format gehört, mit Band, großem Orchester (Antwerp Philharmonic) und Chor (Fine Fleur), dirigiert von Alexandra Arrieche. Spätestens bei „Don’t Give Up“ – John Miles und Natalie Choquette in den Parts von Peter Gabriel und Kate Bush – fällt einem dieses Cover mit Schloss Neuschwanstein vor Feuerwerk ein: „Rock Symphonies“ von 1987. Das Genre ist seitdem ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Recht.

Auch Klassisches wird in der Festhalle durchgenudelt, „O Fortuna“ zum Mitklatschen etwa (Hände sind auch ein Orff-Instrument), Ravels „Bolero“, Bachs d-Moll-Toccata und Pachelbels unverwüstlicher Kanon, teils verschnitten mit ein bisschen Lewis Capaldi oder Justin Timberlake. „Let’s Go Urban“ zeigt dazu von akrobatischen Elementen durchwirkten Tanz.

Alan Parsons ist auch da, mit Hits wie „Eye In The Sky“ und „Don’t Answer Me“, aber auch einem neuen Song. Anders als seine radiotauglichen Evergreens gemahnt der an die Zeit, als Parsons Toningenieur von Pink Floyd war – aber mit viel mehr Orchesterbombast.

Und dann endlich John Miles, ganz in schwarz, lässig und entspannt inmitten der adventlichen Materialschlacht. „Bohemian Rhapsody“ von Queen kommt rauer, als Freddie Mercury es sich hätte träumen lassen; „Human“ von Rag’n’Bone Man bildet den mehr als 40 Jahre jüngeren Gegenpol.

Und dann „Music (Was My First Love)“, so etwas wie der Motto-Song des Night-Of-The-Prom-Zirkus, von zahllosen Blaskapellen verhunzt, aber ein unsterbliches Stück Songwriting. Genau wie das Finale: „All You Need Is Love“. Draußen läuft bereits der Vorverkauf für die Prom-Shows 2020.

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