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Ohohooo: Coldplay gastiert in Frankfurt

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Von: Volker Schmidt

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Coldplay in Frankfurt: Chris Martin mit Will Campion und Erdkugel-Bällen.
Coldplay in Frankfurt: Chris Martin mit Will Campion und Erdkugel-Bällen. © dpa

Die Sehnsucht nach klimaverträglichem Rock-Buhei: Coldplay auf „Music of the Spheres“-Welt-Tour macht mit drei Stadionkonzerten in Frankfurt Station.

Frankfurt – Am Eingang zum Stadion bekommen alle eine elektronische Fußfessel. Nein, es ist ein Leuchtdioden-Armband, das später, wenn Coldplay auf der Bühne steht, synchronisierte Farbwellen durch das Publikum schickt. Und keine Sorge: Die Dinger werden hinterher zurückgegeben, und aus kompostierbarem Pflanzenplastik sind sie sowieso.

Zunächst schürt im noch halbleeren Stadion Allie Neumann die Stimmung. Eine Art Nena für das 21. Jahrhundert mit feministischen Texten und selbstbewusster Attitüde: „Wie viele von Euch wissen nicht, wer ich bin? Das werden wir ändern.“ Dann kommt H.E.R. Sie spult ihren R’n’B etwas lustlos herunter, der Sound matscht.

Coldplay in Frankfurt: Fitness-Fahrräder für die Show

Coldplay wollte erst wieder auf Tour gehen, wenn das klimaverträglich möglich sei, hatte es 2019 geheißen. Jetzt erläutern Spots auf den runden Riesenbildschirmen, welche Ökoprojekte aus dem Eintrittspreis gefördert werden. Zwei kinetische Tanzflächen und ein paar Fitness-Fahrräder dürfen behüpft und bestrampelt werden, das erzeuge Energie für die Show. Und der Bühnen-Generator laufe mit recyceltem Bratöl. Prompt fing Coldplay sich Greenwashing-Vorwürfe ein: Der angeblich nachhaltige Flugzeugtreibstoff vom Kooperationspartner, dem Ölkonzern Neste, basiere auf klimaschädlichem Palmöl.

Die Sehnsucht nach dem richtigen Leben im falschen: Manchmal, wenn die vier mit sorgfältig auf alt gespraypainteten Instrumenten im spürbaren Rapport eng nebeneinander rocken, Sänger Chris Martin sein ansteckend breites Grinsen grinst und mit Gitarrist Jonny Buckland oder Bassist Guy Berryman scherzt, wirken sie wieder wie Alternative-Indie-Britpopper aus dem Jahr 2000, die sich fragen, wie sie in dieses Spektakel geraten sind. Die ursprünglich zwei Shows in Frankfurt – der ersten deutschen Station der „Music of the Spheres“-Tour – waren binnen Minuten ausverkauft, auch für die Zusatzshow am Dienstag gibt es längst keine Tickets mehr.

Wie sie da hineingeraten sind? Mit Songs, die für Stadien wie geschaffen sind: Ohohooo- und Yeaheah-Refrains, hymnische Melodien, von Chris Martins Weltschmerz-Stimme getragen. „Higher Power“ vom aktuellen Album macht den Opener, bunte Erdkugel-Bälle dotzen über die Köpfe, Leuchtraketen starten.

„Adventure Of A Lifetime“ und „Paradise“ folgen, „Charlie Brown“ und der Klassiker „The Scientist“. Dazu Feuerwerk, Flammenfontänen und tonnenweise Konfetti – wie war das mit der Umwelt? „Nobody said it was easy“, heißt es in „The Scientist“.

Coldplay-Hymnen ertönen in Frankfurt

Laufsteg und Zweitbühne nutzt Coldplay ausgiebig, für den Sommerkracher „Viva La Vida“ etwa und „Hymn for the Weekend“ oder eine reduzierte Piano-Version von „Let Somebody Go“. Eine Drittbühne gibt es auch, für ein Akustikset samt Steel Guitar. Drummer Will Champion übernimmt die Cajon für „Sparks“, das Martin seiner anwesenden Mutter widmet. Dann eine Weltpremiere: „Magic“ auf Deutsch – „aber nein aber nein aber nein!“

Coldplay in Frankfurt: Chris Martin mit Publikum.
Coldplay in Frankfurt: Chris Martin mit Publikum. © dpa

In Martins halb deutschen Ansagen spielen „glucklich“ und „dankbar“ eine große Rolle. „Sky Full Of Stars“ unterbricht er: Man wolle doch mal wenigstens einen Song lang die mobilen Endgeräte wegstecken. Das Sternenmeer kommt von den Leuchtarmbändern. Zu „My Universe“, einer der radiotauglichen Singleauskopplungen vom aktuellen Album, tauchen sie das Stadion in Blau und Pink, bei „Yellow“ in – was sonst – Gelb.

Zu „Something Just Like This“ trägt die Band Alien-Masken, Martin performt in Gebärdensprache. „Human Heart“ intoniert er im Chor mit sich und im Duett mit Angel Moon, der Sängerin der Alien-Handpuppen-Band „The Weirdos“ von Muppets-Erfinder Jim Henson. „Clock“ mit grüner Lasershow lässt viele Fans völlig ausflippen.

Sieben der zwei Dutzend Songs stammen von „Music of the Spheres“, von dessen verquastem Konzeptalbum-Quatsch live nichts zu hören ist. Wie überhaupt die Arrangements angenehm ballastarm das Stadionrund rocken. Nach „Humankind“ nimmt „Fix You“ die Energie raus, den Schlusssong bildet „Biutyful“. Jetzt kündet auch draußen Feuerwerk von der Popfeier drinnen. (Volker Schmidt)

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