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Frank Gratkowski und das Ensemble Modern: Philstimmiges Gespräch

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Checkpoint-Konzert beim Ensemble Modern in Frankfurt mit Frank Gratkowski.

Tiefer geht’s kaum. Unten rumort Johannes Schwarz am Kontrafagott, Frank Gratkowski und Dietmar Wiesner kommen weit oben mit einer Flöten-Duo-Improvisation dazu. Dazwischen klafft ein Raum, der tief und weit, aber nicht leer ist und den Gratkowskis Komposition „Mature Hybird Talking“ beim Checkpoint-Konzert im Dachsaal des Ensemble Modern in Frankfurt gestaltet.

Der Titel lässt kurz stocken: Sollte es nicht eher „hybrid“ heißen statt „hybird“? Kann sein. Vielleicht aber verweist der mutmaßliche Buchstabendreher auf James Joyce, dem das Stück unter anderem gewidmet ist. Wie manches, was Frank Gratkowski schreibt und spielt. Immerhin ist er – unter anderem – Co-Leader des Multiple Joy[ce] Orchestra, für das er auch komponiert.

Seine Kompositionen sind, tja, hybrid. Das bedeutet, sie kombinieren streng notierte mit improvisierten Phasen, und oft enthalten die notierten Passagen vor allem Improvisationsanleitungen. Dieser weitherzige Begriff von Komposition entspricht durchaus den Gewohnheiten der Musiker und Musikerinnen des Ensemble-Modern.

Nicht nur der multiple Autor James Joyce ist Widmungsträger der Komposition, sondern, neben viele anderen, auch der Klang-Architekt Iannis Xenakis. Der enorme Ton-Innenraum, mit dem sich das Stück eröffnet, exponiert einen weiten Hör-Blick, den die, die ihn gestalten, durchmessen. Gratkowski hat Klanggegenstände geformt, die meist mehrere Instrumente in unterschiedlichen Idiomen kombinieren und die weniger improvisatorische Energie freisetzen als zu einer mitlaufenden Wahrnehmung einladen. Das Stück folgt dem Handlungsmodell eines vielstimmigen Gesprächs zwischen sieben Blasinstrumenten, drei Saiteninstrumenten und einem Klavier. Kein Perkussionsinstrument teilt das Geschehen mit vertikalen Akzenten.

Der Komponist selbst sorgt zeitweise als Dirigent für metrische Disziplin (die beim Ensemble ohnehin untrüglich ist). Gelegentlich unterstützen Mitglieder des Ensembles die dirigentische Illusion, aus Handbewegungen Musik entstehen zu lassen, mit Winken und Zeigegesten. Mehrfach greift Gratkowski auch zu einem Blasinstrument (Flöte, Altsaxofon, Bassklarinette) und ist Solist mitten im Halbkreis des Ensembles – wobei er den Gestus der Musik nie konterkariert. Eine irgendwie jazzig klingende Passage hat ihr agiles Zentrum bei den drei Saiteninstrumenten (Giorgos Panagiotidis, Violine, Eva Böcker, Violoncello, Paul Cannon, Kontrabass). Eine Solo-Passage mit Bassklarinette klingt eher wie verstärkte Atemgeräusche als nach einem konventionellen Solo.

So bleibt die Musik nahe bei denen, die sie machen.

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