+
„Wir sind keine Erfindung von heute“, sagt Franco Fagioli.  

Countergesang

Franco Fagioli: „Du vollendest und du verstehst deine Stimme erst auf der Bühne“

  • schließen

Der Countertenor Franco Fagioli über das CD-Album „Veni, Vidi, Vinci“, das eine Hommage an den spätbarocken Opernkomponisten Leonardo Vinci ist, und über seine männliche Mezzosopran-Belcanto-Stimme.

Herr Fagioli, wenn Sie jemandem erzählen, Sie hätten eine CD mit Opernarien von Leonardo Vinci aufgenommen: Kommen da häufig Rückfragen wie „Ach, ich wusste gar nicht, dass der Maler der Mona Lisa auch Musik gemacht hat“?

Ja, das ist witzig: Leonardo da Vinci kennt jeder, Leonardo Vinci kaum jemand. Auch mir war er lange unbekannt, obwohl ich eine sehr kurze Begegnung mit ihm schon zu Studienzeiten hatte. In den sehr populären Sammlungen „Arie Antiche“, die Sänger zu Beginn ihres Studiums bei uns vorgelegt bekamen, ist er mit einigen Titeln vertreten. Aber danach hatte ich keinen Kontakt mehr, bis ich 2011 eingeladen wurde, seine berühmteste Oper, „Artaserse“, aufzunehmen. Das war eine großartige Produktion und eine tolle Erfahrung. Dabei lernte ich den Stil Vincis einfach gut kennen, denn wenn man eine ganze Oper singt, kommt man einem Komponisten wirklich nahe. 2015 sang ich dann „Catone in Utica“, unter anderem in Wiesbaden, die Partie war ursprünglich für den Kastraten Carestini geschrieben, der auch Händels „Ariodante“ uraufgeführt hat. Und seitdem hatte ich immer im Hinterkopf die Idee, ein Hommage-Album für Leonardo Vinci zusammenzustellen.

Vinci war ein Opernkomponist der „Neapolitanischen Schule“, war seinerzeit – also in den 1720er-Jahren – berühmt für den damals in Mode kommenden Stil des Koloraturgesangs, der sehr melodiös, sehr virtuos daherkommt. Eigentlich eine sehr effektvolle Musik. Und doch tauchen seine Opern heute in keinem Spielplan auf. Warum?

Aus der „Neapolitanischen Schule“ gingen tausende Musiker hervor, sie war ja extrem produktiv. Alleine die Zahl der Komponisten ist quasi unüberschaubar, die ihrer Werke ebenso. Und man muss natürlich auch sagen: Nicht alle diese Werke sind zugleich Meisterwerke. Vinci allerdings ist durchaus auf einer Höhe mit Händel. Bekannt wurde er damals zuerst mit seinen komischen Opern, gesungen im neapolitanischen Dialekt, später erst kam er zur Opera seria auf Hochitalienisch. Stilistisch geht er in Richtung Rokoko, es ist der galante Stil, dem von Gluck schon recht nahe, er steht zwischen Barock und Klassizismus. Es gibt eine enorm große Zahl an Komponisten dieser Zeit, deren Namen wir heute noch viel weniger kennen. Auf meinem Album „Arias for Caffarelli“ finden sich einige: Leonardo Leo, Pasquale Cafaro, Domenico Sarro oder Gennaro Manna. Die Frage ist auch: Warum wird der eine wiederentdeckt, der andere nicht? Das kann Zufall sein oder eine Mode. Bach musste auch im 19. Jahrhundert wiederentdeckt werden, er tauchte bis dahin auch nicht auf Konzertprogrammen auf.

Sie sagten einmal in einem Interview: „Händel ist für mich der Andrew Lloyd Webber der Barockzeit.“ Wer ist dann Leonardo Vinci?

„Veni, Vidi, Vinci“ erscheint am 8. Mai 2020.

(lacht) Puh, das weiß ich wirklich nicht. Da wäre jetzt ein Vergleich mit einem anderen Musical-Komponisten schön, aber mir fällt nichts ein.

Vinci schrieb die auf Ihrer CD versammelten Arien für Kastraten wie Filippo Balatri, Farinelli oder Senesino, eine wurde auch von einer Sopranistin gesungen. Also wird hier die gesamte Palette zwischen Alt, Mezzosopran und Sopran abgedeckt. Echte männliche Sopranisten sind dann ja doch selten zu finden. Kann man Sie dazu zählen?

Zunächst: Damals war man deutlich flexibler als heute in der Frage, ob eine Partie von einem Mann oder einer Frau gesungen werden soll. Da wurde eher geschaut, wer gerade zur Verfügung steht und weniger, welches Geschlecht die Opernrolle laut Libretto hat. Aber um Ihre Frage zu beantworten muss ich erst einmal etwas ausholen und zum Beginn meiner Laufbahn gehen. Ich wurde in die so genannte italienische Gesangstechnik eingeführt. Ich könnte auch „Belcanto“ sagen, aber da denkt jeder an eine bestimmte Epoche. Ich meine aber den Gesangsstil, die Tradition. Belcanto ist die historisch überlieferte italienische Methode des Singens. Ich selbst bezeichne mich als Countertenor, denn dann weiß jeder, was ich mache: Ich bin ein Mann, der mit Kopfstimme singt. Wobei ich natürlich auch die Bruststimme nutze. Die Tatsache, dass ich beide Stimmen verwende, geht zurück auf meine Ausbildung im Belcanto. Countertenöre gab es auch schon im 18. Jahrhundert, sie sangen neben den Kastraten. Wir sind also nicht eine Erfindung von heute, um Kastraten zu ersetzen. Die Art des Singens und die Schule des Singens waren aber eine unterschiedliche. Für eine Oper hat Händel lieber einen italienischen Kastraten engagiert, für ein Oratorium einen Countertenor. Ich selbst singe alles zwischen Sopran und Alt, wobei mein Schwerpunkt in der Tessitur Mezzosopran liegt. Dazu müsste man aber noch sagen, dass das Wort Mezzosopran ein ziemlich junges ist und auf das späte 19. Jahrhundert zurückgeht. Wenn Sie jetzt aber speziell nach einem männlichen Sopran, also einen Sopranisten fragen: Ja, manchmal werde ich so genannt, weil ich mitunter auch in Sopranlage singe. Ich nenne mich aber einen Countertenor in Mezzosopran-Tessitur.

Ihr Stimmumfang beträgt, wie man liest, drei Oktaven und reicht bis zum hohen d. Wo würden die Töne fehlen, wenn Sie die Stimme nicht täglich trainieren würden: Oben oder unten?

Zur Person

Franco Fagioli wurde 1981 in der argentinischen Provinz geboren und wurde als erster seines Fachs am Opernstudio des Teatro Colon in Buenos Aires zum Countertenor ausgebildet. Sein internationaler Durchbruch gelang ihm mit dem Gewinn des Gesangswettbewerbs „Neue Stimmen“ in Gütersloh und mit Händels „Giulio Cesare“ 2005 am Opernhaus Zürich. Er sang diese Partie an der Seite von Cecilia Bartoli, die ihn vielfach förderte. Heute zählt Fagioli zu den virtuosesten Countertenören, er ist fast ausschließlich im italienischen Fach zu Hause.

Das Album „Veni, Vidi, Vinci“ erscheint am 8. Mai (Deutsche Grammophon) und bietet teils erstmals aufgenommene Arien des spätbarocken Opernkomponisten Leonardo Vinci. Das Ensemble Il Pomo d’Oro musiziert. ick

Überall! Ein Sänger zu sein hat nichts mit möglichst hohen oder möglichst tiefen Tönen zu tun. Er muss vielmehr den möglichst gesunden Weg des Singens finden. Und das ist eine tägliche Reise, ein tägliches Suchen.

Es gibt Countertenöre, deren Stimme klar als männliche erkennbar ist. Und es gibt Countertenöre, bei denen man beim blinden Hören lange rätselt, ob da ein Mann oder eine Frau singt. Ich würde Sie zur zweiten Kategorie zählen? Sie auch?

Erst einmal würde ich dem zustimmen, aber auch das hat wieder mit der Belcanto-Technik zu tun, die einen bestimmten Klang als Ideal hat. Allerdings hat nicht jeder Sänger die gleichen physiologischen Voraussetzungen, das spielen eine Menge Aspekte mit hinein, auch mit Muskeln, die man einfach trainieren muss. Also: Schule zum einen, die von Gott gegebene Stimme zum anderen.

Wie bei allen Ihrer Sängerkollegen ist dank des Corona-Virus der Terminkalender leer. Fällt es schwer, sich stimmlich in Form zu halten, wenn für Wochen wenn nicht gar Monate kein Auftritt möglich ist?

Es liegt an uns: Wenn wir üben, bleiben wir fit. Aber das letzte Wort wird immer erst bei der auf der Bühne oder dem Podium gesprochen. Man kann zu Hause sich eine Partie noch so gründlich aneignen, erst bei der Aufführung findet die eigentliche Entwicklung statt. Und das fehlt jetzt natürlich. Du vollendest und du verstehst deine Stimme erst auf der Bühne.

Gibt es dort, wo Sie wohnen auch „Balkonkonzerte“? Da könnten Sie einiges Aufsehen erregen mit einer virtuosen Arie.

Ich lebe in einem recht ruhigen Wohnviertel von Madrid, musiziert wird hier auf den Balkonen kaum. Aber wir machen beim regelmäßigen Applaus für die Kräfte im Gesundheitswesen mit.

Wären Sie in diesen Tagen lieber ein Künstler anderer Art, also einer, Bilder malt oder Gedichte schreibt, was man alleine zu Hause machen kann? Und welcher Künstler wären Sie dann?

Ein Schriftsteller. Ich bewundere diese Leute, die das Leben in Poesie und in Texte fassen können.

Interview: Stefan Schickhaus

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion