Alte Oper

Francesco Tristano in Frankfurt: Das Smarte neben dem Strengen

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Francesco Tristano und die Straßburger Philharmoniker in Frankfurt.

Es war eine Art Jam-Session, die beim Pro-Arte-Konzert der Solist des Orchestre Philharmonique de Strasbourg als Zugabe veranstaltete: Francesco Tristano, 38-jährig, aus Luxemburg, der vorher George Gershwins „Rhapsody in Blue“ gespielt hatte. Ein Musikertypus, der trotz seiner klassisch-professionellen Ausbildung über den Tellerrand blicken kann und dort in diversen Fusionen mit pop-affinen Künstlern und elektronischen Sound-Artisten aktiv ist. Ein trotz seines zwischen Smartness und Laxheit changierenden Auftretens genauer, ja strenger Musiker, der die Gershwin-Partitur als Blue-Note-Klassizismus mit repetitiv-rhythmischer Basis unaufgeregt realisierte. „’S Wonderful“ war die Zugabe, und Saxofonist und Kontrabassist des Tutti gesellten sich als exzellente Partner hinzu: für das zwanglose Zusammenspiel von Musikern, die in diesem Fall sich zwar als Konzertpartner kennen, aber in den musikalischen Gattungen doch Fremde sind.

Dirigent des Abends war der Chef der Straßburger, Marko Letonja, der dem Orchester seit sieben Jahren vorsteht. Der 58-jährige Slowene hatte einen überlegenen Zugriff auf die orchestralen Elemente der ursprünglich für zwei Klaviere komponierten Rhapsodie, die so etwas wie die US-amerikanische Idiomatik schlechthin sein sollte. Mit Gespür für die Proportionen in den heftigen motorischen Passagen und den feinen Legato-Flächen nahm seine Interpretation dem Werk den gern grell und zappelig gegebenen Gute-Laune-Klang.

Wachsen und schrumpfen

Bedeutend ist die Geschichte des 1855 gegründeten Orchesters, dem Dirigenten wie Hans Pfitzner, Otto Klemperer oder Hans Rosbaud vorstanden; das Komponisten wie Brahms, Strauss oder Mahler dirigierten; genauso wie Hermann Scherchen und Wilhelm Furtwängler. Mit Georges Bizets 1. Carmen-Suite hatte der Abend begonnen, der ansonsten noch Ravel-Werke enthielt: die 2. Suite des „Daphnis et Chloé“-Balletts, die „Pavane für eine verstorbene Prinzessin“ sowie den „Bolero“. Eine wunderbar körperliche Schwingung, in enormer, volumenreicher Bewegung, sachte sich aufbauend, in gleitenden Zügen wachsend und schrumpfend mit bestens ausgehörten Details der reichen Instrumentierung – das sind Kennzeichen des Straßburger Klangs.

Die Wucht der „Danse Générale“ am Ende des Balletts warf schon einen Blick auf den „Bolero“. Der zog seine Gewalt nicht aus grellen oder hysterischen Evokationen, sondern aus einem Klangwuchs, der immer mehr Festigkeit bei farbintensiver werdender Oberfläche gewann: die klingende Permanenz der Wandlung von Dynamik in Statik.

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