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Hr-Sinfoniker in Eberbach: Plastische Trennung von der Finsternis

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Von: Bernhard Uske

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Sie füllten den Kirchenraum mit Klangkraft. Foto: Ansgar Klostermann
Sie füllten den Kirchenraum mit Klangkraft. Foto: Ansgar Klostermann © Ansgar Klostermann

Das hr-Sinfonieorchester eröffnet das 35. Rheingau Musik Festival mit Dvorak und Mendelssohn Bartholdy.

Mit „Lebensfreude pur“ qualifizierte der neue hessische Ministerpräsident Boris Rhein „Ihr Sommer voller Musik“, wie die Eigenwerbung des Rheingau Musik Festivals lautet. Zum 35. Mal war das die Eröffnung des Rheingau Musik Festivals, die am gewohnten Ort, der Basilika von Kloster Eberbach, stattfand. Immer ist es der jeweilige Landesherr, der die Schirmherrschaft ausübt.

Jetzt wurde Ministerpräsident a. D. Volker Bouffier vom Festspielintendanten Michael Herrmann als „Bürger Bouffier“ angeredet, während Roland Koch, Vorgänger Bouffiers im Staatsamt, als Kuratoriumsvorsitzender des Festivals eine Sonderrolle spielt. Hans Eichel, der auch einmal Hessen-MP war, gehört zu den Kuratoriumsmitgliedern, wie sich überhaupt die Liste der RMF-Akteure, Akteurinnen und -Sponsoren wie ein hessisches Who’s Who aus Politik und Wirtschaft liest.

Jetzt wieder maskenlos

Entsprechend lang war die Gruß- und Dankadresse, die Intendant Herrmann an die Anwesenden richtete, die jetzt wieder dicht an dicht und maskenlos in der Basilika Platz nehmen konnten. In jenem Klangraum, den zur Eröffnung zu bespielen jeweils das hr-Sinfonieorchester die Ehre hat und dabei seinem Namen auch wieder alle Ehre machte.

Diesmal standen eine sinfonische Dichtung, Antonin Dvoraks „Das goldene Spinnrad“, sowie Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nr. 2, die Sinfonie-Kantate „Lobgesang“ („nach Worten der Heiligen Schrift für Solostimmen, gemischten Chor, Orchester und Orgel B-Dur op. 52“) auf dem Programm. Lautstarke und lebhafte Werke, die den riesigen Kirchenraum mit all ihrer Klangkraft zu füllen hatten.

Der „Lobgesang“ ist ein Bekenntniswerk zur 400-Jahrfeier der Erfindung des Buchdrucks, die in der Perspektive des Protestanten Mendelssohn auch eine der Reformation war. Für die knapp 70 Minuten wählte der Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters Alain Altinoglu sehr schnelle Tempi. Die Tücke des romanischen Monumentalbaus, der bei starken Schall-Emissionen eine Art dröhnender und topfiger Subwoofer zu werden vermag, bannte Altinoglu mit diesem Parforceritt einigermaßen.

Man konnte trotz der sich ständig akkumulierenden Klangwolken im Kirchenschiff das Relief der polyphonen Struktur, besonders in der gewichtigen Sinfonia des ersten Satzes, immer nachvollziehen. Das allgegenwärtige Leitthema in seiner konstruktiven Behandlung, das als Motto-Vertonung des 150. Psalms „Alles was Odem hat, lobe den Herrn“ wirkt, kam in seiner Allgegenwärtigkeit, wenn auch etwas gehetzt, plastisch zur Geltung.

Bei den Chorsätzen, die um Erleuchtung, Trennung von der Finsternis und Danksagung kreisen, war eine schneidige, kraftmeiernde Gestaltung präsent, die dank des brillanten MDR-Rundfunkchores mit unfehlbaren weiblichen Stimmen (hohe Soprane!) und durchschlagenden Männerstimmen doch beachtlich war. Solistische Leuchtpunkte setzten Katharina Konradi (Sopran) und Miriam Albano (Mezzo) sowie der etwas kurz angebundene Tenor Matthew Swensen.

Idiomatisch blass blieb das langwährende, ein wenig an das Dornröschen-Märchen erinnernde Dvorak-Werk, wo der Interpretation das Gespür für die diversen Stimmungen der Musik und ihrer literarischen Vorlage (einer Art böhmische Version des „Knaben Wunderhorn“) fehlte.

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