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Pete Seeger aus Anlass seines 90. Geburtstages im Madison Square Garden. 

Musiklegende

Pete Seeger gewidmet: The Smithsonian Folkways Collection

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Zum runden Geburtstag des Folksängers erscheint ein umfangreiches Buch mit sechs CDs.

Die kulturelle Welt des 20. Jahrhunderts wäre ohne Pete Seeger trostloser gewesen. Dieses wundervolle Bild des charismatischen Folksängers mit dem Banjo, angetan mit Blue Jeans und leicht verwaschenem Flanellhemd mit hochgekrempelten Ärmeln, mal mit Mütze, mal mit Bart, mal ohne beides, den Blick zuversichtlich in die Zukunft gerichtet und stets im Bund mit der Macht der einfachen Musik streitend für Gerechtigkeit, für das Gute im Menschen und in der Gesellschaft – dieses Bild hätte dem Jahrhundert bitter gefehlt.

Pete Seeger, geboren am 3. Mai 1919 in New York City, hat das 20. Jahrhundert begleitet und kommentiert mit seinen Liedern, allein oder mit einer Band – etwa The Weavers oder den Almanac Singers – und am liebsten vor einer Versammlung möglichst vieler Menschen in gemeinsamer friedlicher, menschenfreundlicher Absicht. Oft hat Seeger seine Auftritte mit Mitsing-Aufforderungen an das geneigte Publikum verbunden, darin war er ein charismatischer Meister.

Pete Seeger war eines der Urbilder dessen, was heute Singer/Songwriter heißt. Stücke wie „We Shall Overcome“, „If I Had a Hammer“, „Turn, Turn, Turn“, „Where Have All the Flowers Gone“, die er im Kontext der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung unermüdlich animierend gesungen und /oder geschrieben hat, sind Volkslieder geworden. Das war stets der tiefere Sinn seiner Lieder: Sie sollten eingängig sein, einfache Erzählungen und klare Botschaften enthalten, sie waren mitsingbar und emanzipatorisch gedacht. Ein leicht transportables Musikinstrument wie das fünfsaitige Banjo oder eine akustische Gitarre waren ideale Begleiter, da ähnelten sich der deutsche Wandervogel und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung.

Pete Seeger hat Lieder aus dem Spanischen Bürgerkrieg in den USA bekannt gemacht. Er war bis ins hohe Alter politisch engagiert, ist früh für Umweltschutz auf- und eingetreten, hat die Arbeiterbewegung und Streikinitiativen besungen und unterstützt. Mehr als einmal hat er sich im Fokus staatlicher Verfolgung wiedergefunden – etwa vor dem berüchtigten McCarthy-Kongressausschuss für Unamerikanische Umtriebe.

Dabei war der Sozialist Pete Seeger bis ins Knochenmark ein Amerikaner: ein freiheitlich denkender Individualist, skeptisch gegenüber jeglicher Autorität und staatlichen Bevormundung, mit tief verwurzeltem Sinn für das Gemeinschaftliche, für geteiltes Leid und geteilte Freude. Ein Musterbeispiel dessen, was heute mit pejorativem Unterton „Gutmensch“ genannt wird.

Seegers Freund und Vorbild war der sieben Jahre ältere Woody Guthrie, dessen „This Land Is Your Land“ zu den Evergreens der Bürgerrechtsbewegung gehört. In Seeger und Guthrie hatte die seit den 1960er Jahren entstehende Folk-Szene mit Exponenten wie Joan Baez, Donovan, Bob Dylan und anderen ihre leuchtenden Vorbilder.

Aufgetreten ist Pete Seeger, so lange er konnte, gestorben im Januar 2014. Im Mai dieses Jahres hätte sein 100. Geburtstag einen Anlass bieten können, ihm weltweit posthum zu gratulieren. Was angesichts der aktuellen Zeitumstände fast schon wieder unamerikanische Umtriebigkeit gewesen wäre.

Die Folkways Collection der Smithsonian Institution in Washington hat dem großen Amerikaner zum runden Geburtstag einen generösen Gruß gewidmet. Sie hat aus ihrem umfangreichen Materialbestand ein sorgfältig ediertes, reichlich mit Fotos und Faksimiles von Text- und Notenblättern, Notizzetteln und Briefen, Abbildungen historischer LP-Cover und anderem Material ausgestattetes 200-Seiten-Buch im LP-Format zusammengestellt. Es wird komplettiert von sechs CDs, auf denen Pete Seeger auf insgesamt 137 Tracks zu hören ist, von denen 20 bisher unveröffentlicht waren. Und zu jedem einzelnen Stück wird in dem Buch eine kurze Geschichte erzählt.

Jeff Place widmet der Musik Pete Seegers einen klugen Essay, und Robert Santelli berichtet in dem Buch eine Anekdote von einem Benefiz-Konzert im Jahre 1996, das die Rock’n’Roll Hall of Fame in Cleveland veranstaltete. Dessen Einnahmen sollten dem Woody-Guthrie-Archiv zugute kommen. Pete Seeger, der als Erster eingeladen wurde – noch vor Bruce Springsteen! –, schlug vor, dass jeder auftretende Künstler ein Sandwich und einen Apfel mitbringen sollte, damit nicht Geld für Backstage-Catering verschwendet würde. Ein enthusiastischer Caterer aus Cleveland wollte sich dennoch nicht nehmen lassen, die Künstler zu verpflegen. Als aber Pete Seeger das luxuriöse Buffet hinter der Bühne bemerkte, sorgte er dafür, dass es an die lokalen Tafeln verteilt wurde. Seinesgleichen hat Pete Seeger nie zu den Bedürftigen gerechnet.

Das Album

Jeff Place / Robert Santelli: Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection. Smithsonian Folkways, Washington. 206 Seiten, 6 CDs, 120 Euro.

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