Enoch zu Guttenberg.
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Enoch zu Guttenberg.

Enoch zu Guttenberg

Er folgte keinesfalls den Moden

  • vonStefan Schickhaus
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Zum Tod des Dirigenten und aufrechten Geistes Enoch zu Guttenberg.

Wen, wenn nicht ihn, kann man einen „Bekenntnismusiker“ nennen? Enoch zu Guttenberg mochte das Wort zwar nicht, aber wohl eher aus Bescheidenheit oder weil ein anderer Zugang zur Musik für ihn gar nicht im Bereich des Denkbaren lag. Denn es war ja gar nicht zu übersehen: Die Werke, die der Dirigent in sein nicht überaus großes Repertoire aufnahm, waren allesamt Werke von bekenntnishaftem Charakter, und seine Interpretationen waren von extremer emotionaler Beteiligung und einem appellativen Grundton geprägt. „Es ist der alte Streit unter den Interpreten und Musikwissenschaftlern, wie ‚subjektiv‘, sprich: emotional, oder ‚objektiv‘, sprich: distanziert, man einem Kunstwerk gegenübertritt. Ich ordne mich in die Gruppe ein, die sich den Werken emotional nähert. Oder einfach ausgedrückt: Ich fühle mich in den Werken zu Hause, die mich persönlich zutiefst bewegen. Dies gilt für eine ‚Matthäuspassion‘ gleichermaßen wie für eine Bruckner-, Mahler- oder Schostakowitsch-Sinfonie.“ 

Bei Enoch zu Guttenberg, der gestern in München im Alter von 71 Jahren starb, klang es in der Tat nie unbeteiligt, sondern immer zutiefst persönlich. Da durfte dann Mozart auch süßlich werden, Bach pathetisch und das Verdi-Requiem zu einem geradezu brutalen Kampf. Früher, als noch Gläubiger, habe zu Guttenberg nach eigener Aussage enorme Probleme gehabt mit dieser „zerrissenen Auseinandersetzung eines Atheisten mit seinem alten Gott“. Als der Dirigent dann aber Agnostiker wurde, konnte er mit dem Nichtglauben in diesem singulären Stück Kirchenmusik gut umgehen. Und seine Verdi-Requiem-Aufführungen, wiederholt zu erleben beim Rheingau Musik Festival und erneut geplant für den 28. Juni, waren geprägt von Klangextremen, wie man sie von einem so formvollendeten Mann aus fränkischem Landadel nicht erwartet hätte. 

Geboren wurde Enoch zu Guttenberg 1946 in jenem Örtchen Guttenberg im Kreis Kulmbach, das seit dem 12. Jahrhundert die Heimat der Adelsfamilie ist. „Enoch“ ist dabei nur einer der vierzehn Vornamen des Freiherrn von und zu Guttenberg, der der Sohn eines Widerstandskämpfers und der Vater eines Verteidigungsministers war. Er war 1975 Mitgründer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, trat aber 2012 aus, weil er Windkraftanlagen als landschaftszerstörend ablehnte. Die CSU wiederum hat er verlassen, als der damalige Ministerpräsident Max Streibl sich weigerte, an einer Demonstration gegen Antisemitismus teilzunehmen. 

Streitbar war Enoch zu Guttenberg immer, ebenso aufrecht und kämpferisch. Auch in der Musik – da folgte er oft nicht den üblichen Lesarten und keinesfalls den Moden. Für seinen mehr herz- als kopfbetonten Zugriff wurde er mitunter belächelt, auch weil sein musikalisches Hauptsprachrohr seit 1967 ein sehr groß besetzter Laienchor war, die Chorgemeinschaft Neubeuern, deren Sängerinnen im Dirndl auftreten. Wo andere Bach- oder Haydn-Interpreten auf Transparenz achteten, auf möglichst klare Tongebung im Vokalensemble, herrschte bei zu Guttenberg gerne der Großklang. Doch eindrucksvoll war die Leistungsfähigkeit des Chores unbedingt. 

Wenn Enoch zu Guttenberg Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ aufführte, wollte er das als „eine Anklage gegen das, was wir mit dem Planeten Erde treiben“, verstanden wissen. Als er 2008 bei den von ihm gegründeten Herrenchiemsee-Festspielen die 13. Sinfonie von Schostakowitsch aufs Programm setzte, ein aufwühlendes Werk über die Ermordung von mehr als 33 000 Juden, lud er für die Basspartie Yorck Felix Speer ein, Enkel von Albert Speer, der einst als Reichsminister für die Waffenproduktion des Dritten Reichs zuständig war. Auch das ein Bekenntnis: „Niemand darf nur eine Minute dasitzen und Schostakowitsch genießen.“

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