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Liederabend an der Oper Frankfurt: Florian Boesch, hinten sein Pianist Malcolm Martineau. 

Oper Frankfurt

Florian Boesch in der Oper Frankfurt: „Regen schauert, Stürme brausen“

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Bassbariton Florian Boesch mit Liedern in der Oper Frankfurt.

Kunstlieder sind so verlockend einfach zu realisieren und zu konsumieren. Trotzdem ist es fast originell, Franz Liszts abgefeimt ausgestaltete, der Gefahr wie der Ironie Raum gebende „Loreley“ zu hören. Oder seine „Über allen Gipfeln ist Ruh“-Vertonung oder Hugo Wolfs „Wanderers Nachtlied“, alles Nummern, die ihre berühmten Vorgänger nicht einholen konnten. Ein klassisches, aber nicht zu konventionelles und schon gar nicht zu konventionell vorgetragenes Programm stellte der phänomenale österreichische (gleichwohl 1971 in Saarbrücken geborene) Liedspezialist und Bassbariton Florian Boesch beim Liederabend in der Oper Frankfurt vor, seinem ersten Auftritt hier. Goethe-Vertonungen Wolfs folgte eine Heinrich Heine betonende Liszt-Auswahl – so dass allein die Texte in der ersten Hälfte genial waren –, dann Robert Schumanns Justinus-Kerner-Lieder op. 35.

Boesch sucht stets und suchte auch in Frankfurt das Drama in der Miniaturform: Jedes Lied eine Welt, die Stimme dabei auch raumsprengend eingesetzt, markerschütternd etwa gleich im Wolfschen Harfner-Lied, dessen Schlusszeile „Denn alle Schuld rächt sich auf Erden“ ein Jüngstes Gericht war. Dass Boesch den Schönklang nicht über alles setzt, ist relativ angesichts seines so kultivierten, nuancierten und artikulierten Baritons. Das drückte sich zwar durch eine Vehemenz aus, eine Gewalt, die weniger ein Aufblühen als ein Erdbeben war. Aber man hörte es natürlich furchtbar gern. Schumanns „Wanderlied“ oder „Lust der Sturmnacht“: von überwältigender Unverbrauchtheit und Dynamik.

Zur Wucht kam in Frankfurt Zartheit in der Höhe, ein eigenwilliger und zu krasser Kontrast, bei dem es sich offensichtlich um eine Vorsichtsmaßnahme handelte. Seit drei Wochen huste er, berichtete der nach Sängerart dezent beiseite hüstelnde Boesch, und er werde darum auch uns keine Husterei verübeln – ein freundliches Angebot, das glücklicherweise maßvoll angenommen wurde. Selbst das Handy zirpte zwischen zwei Lieder, gutes Timing, so Boesch, der sich überhaupt als sympathischer Bühnenbeherrscher zeigte. Nach der Pause räumte er zunächst die (fantastische) Blumengestecksäule beiseite, weil er ständig den Eindruck habe, da stehe jemand. Aus der stimmlichen Not machte er eine eigenartige Tugend, eine ausgestellte Verletzbarkeit, die tatsächlich wie eine zweite Person mit auf der Bühne war.

Mit dem Pianisten Malcolm Martineau ist Boesch wohlvertraut, Martineaus Aufmerksamkeit funkelte durch den Abend wie sein brillantes und doch diskretes Spiel. Auch als Souffleur kam er charmant zum Einsatz.

Bei den Wiesbadener Maifestspielen singt Boesch am 18. Mai ein eng verwandtes Programm. Am Klavier dann Justus Zeyen.

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