Liederabend mit Mezzosopranistin Gaëlle Arquez und Pianistin Susan Manoff am 26.06.2020.
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Liederabend mit Mezzosopranistin Gaëlle Arquez und Pianistin Susan Manoff am 26.06.2020.

Liederabend

Die Ferne und das Weh

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Gaëlle Arquez und Susan Manoff im Opernhaus Frankfurt.

Das spanische Programm, mit dem Gaëlle Arquez jetzt im Opernhaus Frankfurt zu Gast war, ist wie maßgeschneidert für sie, für sie selbst (stellte man sich vor) und für ihre Stimme (wie zu hören war). Gaëlle Arquez ist der leibhaftige Traum einer Carmen, aber wer sie in Frankfurt als „Xerxes“ gesehen hat – in Tilmann Köhlers auch zuletzt im Stream noch einmal starken Inszenierung –, weiß um ihre Wandlungsfähigkeit. Sie ist bei Bedarf auch der leibhaftige Xerxes, tyrannisch, bezaubernd, unsicher.

Als Liedsängerin zeigte sich die französische Mezzosopranistin in Frankfurt in französisch-spanischer Sprache und Kultur sehr zu Hause. Ein spanisches, ein spanisierendes und passenderweise auch orientalisierendes Programm kann problemlos französisch-spanisch sein, indem nicht nur Georges Bizet (hier aber ausschließlich mit der Serenade „Ouvre ton cœur“), sondern auch Jules Massenet, Léo Delibes oder Camille Saint-Saëns sich für iberische Klangfarben interessierten.

Überhaupt ging es um Ferne und Weh, und Henri Duparcs „Einladung zur Reise“ klärte zu allererst und hochaktuell, dass dafür kein Flugzeug erforderlich ist. „Dort ist alles Ordnung und Schönheit, Überfluss, Ruhe und Wollust!“ heißt es dort wiederholt (laut Programmheftübersetzung), und natürlich schildert Charles Baudelaire hier einen Zustand, kein Reiseziel. Um das in seiner ganzen Wirkung zu erleben, sollte es allerdings in der Tat Gaëlle Arquez sein, die die auf Französisch zarteren und lockenderen Schlusswörter singen, weil sie bei ihr so entspannt und zugleich so sorgfältig herausgearbeitet aus der Fadheit des Lebens scheinen: „luxe, calme et volupté“.

Zwischen Saint-Saëns’ persischen Fantasien und – quasi als Gegenprojektion, dem Blick aus der Ferne auf Europa – dem berühmten (berüchtigten) „Granada“ des Mexikaners Agustín Lara gab es aber auch Spanisches aus Spanien. Darunter Joaquin Rodrigos herzerreißendes Liedlein von der liebeskranken „Adela“ oder Fernando Obradors’ effektvollen „El Vito“ aus den „klassischen spanischen Liedern“. Obwohl Delibes’ „Les filles de Cadix“ operettenhaft fidel daneben schien, blieb die Frage der „Authentizität“ und der „Volkstümlichkeit“ so sehr im Vagen, wie sie es verdient.

Musiken von lodernder Hitze, die sich in auch monotonen Kreiselbewegungen äußern darf, beherrschten jedenfalls die Situation. Arquez perfekter Vortrag und ihre dunkelgolden grundierte, jung und doch vollständig reif klingende Stimme arbeiteten jede Nuance in den hypnotisierend wirkenden Nummern heraus. Dass gerade die Selbstbeherrschung, die selbstgewählte Enge es sind, die Leidenschaft umso mehr glänzen lassen, ist ein Konzept dieser (und nicht nur dieser) Musik.

Susan Manoff war die hochsensible Begleiterin am Flügel, deren häufig schwebende Parts fast aufregender waren als die ausgewählten Soloklaviernummern aus den „Spanischen Tänzen“ von Enrique Granados.

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