Peaches

Feel free!

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Die fabelhafte Peaches in Wiesbaden.

Ihr Auftritt gleicht für einen kurzen Augenblick der einer Diva. Doch ihr Gewand entpuppt sich schnell als ein haariger Ganzkörper-Fummel. Und der Hut, den sie auf ihrem Kopf trägt, hat die Form einer geöffneten Vulva. „Rub“, singt sie und reibt sich dabei zwischen ihren Beinen, „rub, bitch, rub!“ Dazu tönen fast wie früher, als die Kanadierin Merrill Beth Nisker in ihrem Berliner Exil ihr Bühnen-Ich Peaches erfand, aggressive Elektropunkattacken aus dem Playback-Sequenzer: One woman, one machine, one stage. Mehr brauchte Peaches eigentlich noch nie.

Im Wiesbadener Schlachthof ist unsere Lieblingsfeministin als Highlight der queeren Kulturwoche angekündigt – und sie enttäuscht nicht. Atemlos jagt sie durch ihr bald zwei Jahrzehnte umspannendes Werk, spielt mit Gender, Sex, Masken und Rollen, zieht sich um und aus, zeigt sich, wie sie ist, rückhaltlos, mit allen Makeln. Eine Rampensau, die die Machtfrage stellt. Sie feiert Schweiß und Körperhaare. Sie feiert das Nicht-Schöne, das Unperfekte. Das, was viele kaschieren wollen, stellt sie offen und selbstbewusst aus. Ein Karneval der Subkulturen. Sex als Konzeptkunst.

Sie macht das wie immer alles nicht subtil, sondern krachend, mit der Faust ins Auge. Ihre Songs heißen „Rub“, „Lovertits“, „Fuck the Pain Away“ oder „Vaginoplasty“. Zu „Dick In the Air“ wird ein Riesenpenis aufgeblasen, der weit ins Publikum hineinragt und der so groß ist, dass Peaches ihn von innen begehen kann. Zum Höhepunkt spritzt sie Glibber in die ersten Reihen, während die minimalistischen Elektrobeats weiter roh vor sich hin hämmern.

Längst haben auch zwei Tänzerinnen die Bühne erobert. Beine werden ohne offensichtliche Choreografie gespreizt, Bondage-Szenarien durchgespielt. Obwohl all das bewährte Peaches-Gesten sind, haben sie ihre subversive Kraft nicht verloren. 52 Jahre ist sie inzwischen. Ihr ist das völlig egal. Sie hat ihre Rolle gefunden. Befreiung ist auch keine Frage des Alters. Ihre Inszenierung bekommt vielleicht gerade jetzt sogar eine zusätzliche, eine neue Dimension: was mit 30 neu und cool und provozierend war, auch mit 50 noch völlig selbstverständlich durchziehen zu können.

Zum Schluss ein Peaches-Klassiker: „Fuck the Pain Away“, quasi ihre hedonistisch-zeitlose Befreiungshymne, die einst auch Sofia Coppola für „Lost in Translation“ auslieh. Brüste und Ärsche wackeln. Zwei Sektflaschen explodieren ins Publikum. Und alle jubeln ihr zu.

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