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Glen Campbell im August 2008 in Malibu.

Glen Campbell

Ein Farmersjunge aus Arkansas

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Als Countrymusik Pop wurde: Der große Musiker und Sänger Glen Campbell ist im Alter von 81 Jahren gestorben.

Glen Campbells letztes Album ist im Juni erschienen und es trägt den Titel „Adiós“. Abschiednehmen, das war die letzte Mission dieses großen Countrysängers, seit bei ihm vor sechs Jahren Alzheimer diagnostiziert wurde. Er wusste, dass er nicht nur die Kontrolle über sein Leben verlieren würde, sondern am Ende auch das Leben selbst. Dieser Einsicht in die Endlichkeit verdanken sich nun drei seiner schönsten Platten in einer langen Karriere.

Es ist nur wenigen Künstlern seiner Generation vergönnt, sich mit einer so vollendeten Trilogie aus dem eigenen Lebenswerk zurückzuziehen. In „Ghost on the Canvas“ von 2011 scheint noch einmal die ganze interpretatorische Raffinesse dieses Sängers auf, der mit seiner sanften Stimme sagenhafte 75 Hits in die Charts gebracht hat, einige von ihnen waren zwei Jahre später auf dem Album „See You There“ in bewegenden Neuinterpretationen zu hören, „Gentle On My Mind“ etwa oder „Rhinestone Cowboy“ und natürlich jenes Lied, mit dem seine Name auf ewig verbunden sein wird: „Wichita Lineman“, geschrieben von Jimmy Webb, seinem musikalischen Partner auf Lebenszeit.

Und auf „Adiós“ schließlich ist Glen Campbell mit Songs zu hören, die er immer aufnehmen wollte, wozu es aber aus vielerlei Gründen nie kam. Nun, da seine Erinnerung zu schwinden begann, war es die letzte Gelegenheit für „Funny How Time Slips Away“, hier gemeinsam mit dem ebenfalls jetzt schon legendären Willie Nelson gesungen oder Bob Dylans „Don’t Think Twice, It’s All Right“, das er in einer nahezu andächtigen Lesart vorträgt. Auf seiner letzten Platte, es ist Glen Campbells 64. Studioalbum, findet sich auch der Song „Arkansas Farmboy“, den ihm sein Banjospieler Carl Jackson gewidmet hat, der ihn seit den 70er Jahren in Freundschaft begleitete.

Das Lied handelt von Campbells Kindheit als eines von zwölf Geschwistern in einer Farmersfamilie in den Südstaaten. „The seventh son born to an Arkansas farmer/And a hard workin’ mother of twelve“. Sein Vater arbeitete auf den Baumwollfeldern, als Pächter eines Grundbesitzers, die Mutter kümmerte sich um die acht Jungs und vier Mädchen. Ihr Sohn Glen konnte kaum laufen, als er seine erste Gitarre bekam, für fünf Dollar aus dem Katalog. Mit 14 hat er die Schule geschmissen und ist von zu Hause abgehauen, um in einer Band zu spielen. Das ist der Stoff, aus dem die Countrysongs sind.

Kaum ein anderer hat sie später so hingebungsvoll gesungen wie er. Auf jeden Fall sah kein anderer so gut aus. Was ihm sicher genützt hat, als er mit 22 Jahren in Los Angeles ankam, gerade rechtzeitig, um die 60er Jahre in Schwung zu bringen. Es war der Moment, in dem die bis dahin eng gezogenen stilistischen Grenzen durchlässig wurden. Auf einmal war alles möglich. Country flirtete mit Pop, Pop entdeckte Country. Glen Campbell spielte als Sessionmusiker für Frank Sinatra, Dean Martin, Nat King Cole, Elvis Presley und Rick Nelson. Und dann kam das Angebot, bei den Beach Boys einzusteigen. Er war schon ein Weile Mitglied ihrer Tourband und vertrat dort, wenn es drauf ankam, den ebenso genialen wie anfälligen Brian Wilson, was Glen Campbell mit seiner Falsettstimme wohl auch ganz gut gelang. Wilson wollte den Ersatzmann dann überreden, ganz bei den Beach Boys einzusteigen, die damals neben den Beatles eine der populärsten Bands des Planeten waren, aber Campbell wollte lieber als Solist Karriere machen.

In den 70er Jahren nahm er ein Album nach dem anderen auf, wobei er nur selten selbst verfasste Songs einspielte. Seine Kunst war die Interpretation. Anders als etwa Johnny Cash wurde er auch nie durch private Dramen auffällig, sieht man von seinen drei Scheidungen ab. Er bekam seine eigene TV-Show, war neben John Wayne im Kino zu sehen, gastierte in Las Vegas und spielte schließlich für Richard Nixon im Weißen Haus.

Es war aber ein Präsident aus dem anderen Lager, der ihn zuletzt mit sehr warmen Worten würdigte. Bill Clinton, wie Campbell ein Sohn des US-Staates Arkansas, dankte dem Sänger dafür, dass er mit seinem öffentlichen Bekenntnis zur Alzheimer-Krankheit viel für die Aufklärung über dieses Leiden beigetragen habe. „And the memories run wild in this Arkansas farmboy“, heißt es in dem genannten Lied. Seine Erinnerungen spielen verrückt. Am Dienstag ist Glen Campbell im Alter von 81 Jahren in Nashville gestorben.

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