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„False Lankum“ von Lankum: Wir finden bessere Tage

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Von: Sylvia Staude

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Lankum. Foto: Sorcha Frances Ryder
Lankum. Foto: Sorcha Frances Ryder © Sorcha Frances Ryder

Das großartig dunkle Album „False Lankum“ der irischen Gruppe Lankum .

So muss es klingen, wenn abwechselnd ein Spalt in die Hölle und ein Wolkenloch in den Himmel sich öffnen. Einerseits ein Brummen und Grollen wie aus einer Gruft, ein Heulen und Klagen verlorener Seelen, ein Brausen und Dröhnen aus welcher Quelle auch immer. Eine knurrende Drehorgel, ein klirrendes Hackbrett. Ein gestrichenes Banjo. Tonbandschleifen. Man nennt dieses minimalistische Genre lang gehaltener Töne auch drone music. Aber hier gibt es andererseits auch sanftes, melodisches Zupfen und den melancholischen, zaubrischen Gesang Radie Peats, die laut „Guardian“ mal klingen kann wie eine Jederfrau, mal wie ein mystisches Instrument aus Blasebälgern und Schilfrohr.

Es ist die Rede von der irischen Folk-Gruppe Lankum, bestehend aus den Brüdern Daragh und Ian Lynch, Sängerin Peat und Cormac MacDiarmada. Man startete unter dem Namen „Lynched“, wechselte aber aus naheliegenden Gründen – zu viele böse rassistische Assoziationen – zu Lankum, nach der Ballade „False Lankum“ des singenden Travellers John Reilly, der darin von einem verlogenen, gefährlichen Typen namens Lankum erzählt.

„False Lankum“ ist gleichzeitig der Titel ihres vierten Albums, aufgenommen in Dublin in den, Achtung, Hellfire Studios. Wie einst James Joyce für einige Nächte wohnten und schliefen die vier Lankums derweil in einem Martello-Turm am rauen irischen Meer. Süße und feine Harmonien gehen auf „False Lankum“ teils abrupt in Düsterkeit über, Momente von Jig-Munterkeit in einen Klangsturm. Und aus einer wilden Improvisation zum traditionellen „Sheep Stealer“ wurden drei „Fugen“ herausgelöst, in denen zum Beispiel ein Hornissenschwarm auf eine Herde Kühe mit Glocken zu treffen scheint. Wundersame Klänge, beunruhigende Klänge.

Man kann Lankum eine „Folk-Gruppe“ nennen, aber eigentlich entwickeln sie wie der außerordentliche Sam Lee das, was man als irische Volksmusik kennt, unerbittlich und eigenwillig weiter. Nehmen den alten Balladen die Torffeuer-Gemütlichkeit, öffnen mit einsam insistierenden Tönen kohlschwarze Räume, manchmal auch mit metallischem Quietschen und dumpfem Schlagen gleichsam alte Fabrikräume. Der Fantasie der Hörerin sind keine Grenzen gesetzt.

Das Album:

Lankum: False Lankum. Rough Trade Records.

Die „Fugen“ sind kleine Zwischenspiele, die Songs bis zu 13 immer wieder aufbrodelnde Minuten lang. So das selbst geschriebene „The Turn“, das den zwiespältigen Refrain hat: „Mourn, it’s the only way / Turn, we’ll find better days / Burned to the ground“, in dem das Trauern und der Aufbruch, die besseren Tage und ihre Asche sich abzuwechseln scheinen im Leben.

Die auf „False Lankum“ in neues, aufregendes Gewand gekleideten Traditionals erzählen vom Liebeskummer – die Sprecherin von „Go Dig My Grave“ nimmt sich das Leben, die Eltern müssen sie beerdigen, sie wünscht sich eine weiße Taube auf der Brust –, erzählen von der Sehnsucht nach dem fernen Liebsten („Newcastle“), von einer Mutter, die ihren Sohn vergiftet, damit er ein bestimmtes Mädchen nicht mehr lieben kann – eine Romeo-und-Julia-Geschichte mit dem Titel „Lord Abore and Mary Flynn“. Sie wird, berührend und innig, von Cormac MacDiarmada gesungen, dessen Gesangspremiere auf einem Lankum-Album das offenbar ist.

Zwei der Lieder erzählen vom Seefahrer-Leben. Von Luke Cheevers überliefert ist „The New York Trader“: der Captain des nach „Amerikay“ segelnden Schiffes hat aus Eifersucht gemordet, die wackeren, über einen plötzlichen Sturm staunenden Matrosen müssen ihn ins Meer werfen, ehe die aufgebrachte See sich wieder beruhigt. Eine dringende Bitte, wieder abzulegen, den Sprecher nicht an Land zu lassen, ist „Clear Away In the Morning“ (bewahrt vom US-Amerikaner Gordon Bok): Der junge Mann, der da fleht, hat Kummer wegen einer gewissen Nancy, an Land gibt er nur Geld aus und auch braucht ihn dort keiner, „there’s no one here that needs me“.

Raus aufs Meer also, auf zur Arbeit – aber vielleicht nicht gerade an einem Montagmorgen. Denn „On a Monday Morning“ kann jeder und jede grantig, können Heilige zu Teufeln werden: „there’s many a saint would be a divil“. Allerdings kann mit der Musik von Lankum auch ein Montag durchaus noch ein ziemlich guter Tag werden.

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