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Theo Plath mit Fagott. Foto: Marco Borggreve
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Theo Plath mit Fagott.

Das Fagott

Fagottist Theo Plath: „Jeder Beitrag, der dem Fagott zu mehr Berühmtheit verhilft, ist ein Gewinn“

  • VonStefan Schickhaus
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Der Frankfurter Theo Plath ist Solofagottist des hr-Sinfonieorchesters und sucht als Kammermusiker auf seiner zweiten CD nach der „verlorenen Zeit“ für sein Instrument

Herr Plath, es ist ja nicht so, dass ständig neue Fagott-CDs auf den Markt geworfen werden. Jetzt sind aber im Abstand von acht Wochen eine CD von Sophie Dervaux, der Solofagottistin der Wiener Philharmoniker, und von Ihnen erschienen. Beide beginnen mit der Fagott-Sonate von Camille Saint-Saëns, beide haben ein französisch-impressionistisches Programm. Bedeutet das nun: Halbe Aufmerksamkeit für Sie? Oder doppelte Aufmerksamkeit für dieses ungewöhnliche Instrument?

Eindeutig doppelte Aufmerksamkeit für das Fagott! Es ist nun einmal ein Instrument, das nicht so im Fokus steht, und da ist jeder Beitrag, der dem Fagott zu mehr Berühmtheit verhilft, ein Gewinn.

Es gibt ja kaum originale Werke aus der Zeit des Impressionismus oder auch der Romantik für das Fagott, einmal abgesehen von besagter Sonate. Wie Ihre französische Kollegin mussten Sie Stücke bearbeiten. Mochten die Komponisten der Romantik und des frühen 20. Jahrhunderts dieses Instrument nicht?

Doch, ich glaube schon. Gerade in der Orchesterliteratur gibt es erstaunlich viele schöne Momente, wo das Fagott eingesetzt wird, und zwar auf eine ganz sonore, weiche Art. Den Komponisten war also schon bewusst, dass das Fagott das kann. Aber offensichtlich gab es dann doch nicht die Strukturen, dass daraus Sololiteratur in größerem Maße wurde.

Vor allem ein Claude Debussy war ja an exotischen Klängen stets interessiert, und Blasinstrumente spielen in der französischen Musik traditionell eine große Rolle. Nicht aber das Fagott. Sind Sie enttäuscht gerade von ihm?

Ach, nein, überhaupt nicht. Wie experimentell Debussy mit Klängen und Spieltechniken umgegangen ist, sieht man ja an seiner Violinsonate, das finde ich ganz toll. Und diesem Experiment habe ich dann eben den Fagott-Klang hinzugefügt für meine CD.

Das Fagott ist oft der Clown, oder es steht für das Dämonische wie in „Le Sacre du printemps“ und für den gichtigen Großvater in „Peter und der Wolf“. Das Fagott ist ein Charakterkopf, oder?

Auf jeden Fall, aber es ist vor allem sehr vielfältig. Es gibt natürlich dieses typische Bild vom Clown und vom Großvater, und ich würde niemals bestreiten, dass es das gut kann. Doch ich würde fast sagen: Andere Farben liegen ihm noch besser.

Das schrieb auch Heinrich Christoph Koch 1802 in seinem „Musikalischen Lexikon“: „Als Soloinstrument ist ihm besonders der Charakter des Sanften am angemessensten; er wird daher auch von einigen das Instrument der Liebe genannt.“

Das ist sehr schön! Diesen Satz kannte ich nicht, aber ähnliche Formulierungen aus dem 18. Jahrhundert. Und, ja, ich kann bestätigen, was der Autor da sagt. Lange waren ja Fagotte anders gebaut als heute, waren näher am Barockfagott. Da war der Ton dann weniger durchschlagend, vielmehr feiner, ganz intim und melancholisch.

So alt wie die Musik ist die Frage, welches Instrument ist der menschlichen Stimme am nächsten: Die Gambe, die Klarinette, das Saxophon? Spielt in diesem Wettbewerb auch das Fagott eine Rolle?

Da der nächste zu sein, würde sicher jedes gerne von sich behaupten. Aber für mich kommt das Fagott tatsächlich sehr nah. Alleine schon von der reinen Tonerzeugung. Der Mensch hat die Stimmlippen, das Fagott die beiden Rohrblätter, physikalisch passiert da genau das gleiche. Und auch vom Timbre finde ich eine große Entsprechung.

Zur Person:

Theo Plath, Jahrgang 1994, ist seit 2019 Solofagottist des hr-Sinfonieorchesters. Im gleichen Jahr war er auch Preisträger beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD. Studiert hatte er bei Dag Jensen, wichtige Impulse erhielt er unter anderem von dem Barockfagottisten Sergio Azzolini. Regelmäßig gibt der in Frankfurt lebende Musiker im Rahmen der Initiative „Rhapsodie in School“ seine Begeisterung für klassische Musik an Kinder und Jugendliche weiter.

„Lost Times“, seine zweite Solo-CD, ist soeben erschienen (beiAvl Records), der Titel bezieht sich auf Marcel Proust und seinen Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Eine merkwürdigerweise „verlorene Zeit“ für das Fagott ist für Plath die Romantik und der Impressionismus – durch Bearbeitungen verschiedener Werke dieser Epochen von Claude Debussy, Nadia Boulanger und César Franck möchte er die Zeit zurückgewinnen. Als einzige Originalkomposition eröffnet die Fagott-Sonate von Camille Saint-Saëns das Album.

Ihre Liebe zum Fagott begann ja quasi im Sandkastenalter: Mit fünf, Sie entdeckten es am Schnuppertag einer Musikschule. Wie kindgerecht ist denn dieses Instrument wirklich?

Inzwischen sehr. Seit passenderweise ziemlich genau 25 Jahren – also genau als ich anfing – gibt es Kinder-Fagotte, die so genannten Fagottinos. Die sind kleiner und höher gestimmt, ein fünfjähriger Knirps kann wunderbar damit anfangen.

Sie sind jetzt Mitte zwanzig und sitzen schon auf Ihrer zweiten Solofagottisten-Stelle. Ist es, strategisch gesehen, geschickter, Fagott zu lernen als ein Standard-Instrument wie Querflöte oder Klarinette?

Schwer zu sagen. Ich glaube, man muss einfach für ein Instrument brennen. Beim Fagott allerdings kommt hinzu, dass man sich auch mit dem Bau der Mundstücke beschäftigen muss, das stellt eine eigene Schwierigkeit dar. Jedenfalls gibt es weitaus weniger Fagottisten als Querflötisten, das stimmt schon.

Muss man wegen der zu schnitzenden Mundstücke also auch Heimwerker sein, während ein Flötist nur Musiker sein muss?

Das ist vielleicht etwas überspitzt formuliert, aber eine gewisse handwerkliche Begeisterung sollte man schon mitbringen.

Seit Ende 2019 sind Sie nun Mitglied des hr-Sinfonieorchesters. Das war nun nicht der beste Startzeitpunkt, viele Auftritte werden Sie nicht gehabt haben in den Lockdown-Zeiten. Wie haben Sie das Orchester erlebt während Corona?

Zunächst einmal: Ich war noch ein halbes Jahr vor Corona im Orchester, konnte also den normalen Orchesteralltag kennenlernen, auch eine Spanien-Tournee im Januar 2020 war mit dabei. Seitdem ist natürlich alles anders. Aber ich muss sagen: Ich habe mein Orchester in der Pandemie noch mehr schätzen gelernt. Wir haben relativ schnell angefangen mit Live-Streams, immer in den erlaubten Besetzungsgrößen. Und da kam aus dem Orchester ein unglaubliches Engagement, wir hätten Beiträge für doppelt so viele Monate haben können. Die Kolleginnen und Kollegen sind wahnsinnig motiviert, brennen für die Sache und sind unendlich flexibel, wenn es um Abstände, Einschränkungen oder Programmänderungen geht.

Mit dem Franzosen Alain Altinoglu haben Sie ganz frisch einen neuen Chefdirigenten. Weiß er schon von Ihrem Sinn für den französischen Stil, für Belle Époque und Impressionismus?

Von diesem persönlichen Interesse weiß er, glaube ich, noch nichts. Allerdings haben wir mit ihm bislang viel Französisches gespielt, und da waren alle mit so viel Herz dabei, dass er einfach den Eindruck haben muss, dass das Orchester da voll mitgeht.

Das hr-Sinfonieorchester spielt jetzt wieder als Kollektiv, die Saison soll im Herbst mit einem vollen Programm starten. Kommen da dann Ihre beiden Lockdown-Hobbys Nähen und Kochen überhaupt noch zum Zug?

Das Kochen ist mit der Zeit etwas ganz Selbstverständliches geworden, es wird täglich etwas Schönes gekocht. Das gehört zu den positiven Dingen, die ich aus dieser Zeit mitnehme. Das Nähen habe ich im tiefsten Lockdown recht intensiv verfolgt, aber da muss ich mich jetzt eher auf Änderungsarbeiten beschränken als dass ich große Projekte angehen kann.

Interview: Stefan Schickhaus

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