Kamasi Washington

Die Fäuste der Wut

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Kamasi Washington nachdrücklich im Offenbacher Capitol.

Einige Kritiker beklagen, Kamasi Washington drehe sich zu sehr um die Jazz-Tradition – ein Vorwurf, der mir auf den zwei Alben „The Epic“ und „Heaven and Earth“, die Washington über die Szene hinaus sehr bekannt machten, viel stärker einleuchtete als hier. Denn hier, live, im nicht nur schön aussehenden, sondern wunderschön klar und kräftig klingenden Capitol in Offenbach, wird klar, dass eine Pointe Washingtons ist, bei allem Ausstellen von Details, der Wucht und Wut wieder Raum zu geben. Politisch ist das nicht allein durch den gesetzten Kontext in Texten und Statements, sondern auch durch die Nachdrücklichkeit, die Lautstärke und den Groove. Washington spielt ebenso mit den Größen des Jazz wie Wayne Shorter, aber eben auch mit Lauryn Hill und Kendrick Lamar.

Im Hintergrund glimmt es rot und orange. Davor steht die achtköpfige Band, in Collegejacke und Basecap und Sneakern. Washington holt seinen Vater auf die Bühne, er ist zarter und schmaler, er spielt die Querflöte. Zwischendrin berichtet Washington, wie er aufwuchs in einer Familie und einem Umfeld voller Musik, die Band kennt sich schon aus Kindertagen.

Die Zeitung „Guardian“ schrieb zum aktuellen Album, Washington habe eine „angrily inclusive vision“, und das trifft es gut, denn tatsächlich spricht er einerseits davon, die Diversität sei nicht einfach zu tolerieren, sondern zu zelebrieren – ein gut klingender, aber auch harmloser Satz –, andererseits parallelisiert das auch der Sound: Immer wieder smooth und harmonisch, während in den Ausbrüchen – wie dem großartigen „Re Run Home“ – der Sound dick und kantig wird, die Melodien zerschossen vom Stakkato.

Als jemand, der eher weit weg vom Jazz ist: Bei Washington höre ich hier, gerade, einen Ausbruch aus der gegängelten Bürgerlichkeit des Kanons. Und es dürfte daran liegen und an dem immensen Punch, den seine Musik haben kann, dass das auch beim Hip-Hop-affinen, jüngeren (sprich: Mitte dreißig) Publikum gut funktioniert.

Bei den Schlagzeugsoli von Tony Austin und Ronald Bruner Jr. fällt auf, wie unterschiedlich ihr Stil ist: Austin spielt zart und mit viel Ornament, Bruner Jr. extrem bouncy, näher an Hip-Hop und Funk. Einzig das Wiegenlied für die Tagträumer, „Space Travelers Lullaby“, fällt etwas ab – zu harmlos, zu einlullend. Aber es ist so etwas wie das Durchatmen vor dem letzten Highlight „Fists of Fury“. Bassist Miles Mosley trägt ein Beret, Stiefel und Armeeweste, ich denke an Public Enemy und die Black Panther. Als er sein Solo beendet hat, das Publikum applaudiert, zeigt er seinen angespannten Bizeps.

Virtuosität ist hier ein Mittel zum Zweck, Virtuosität für den Song und Können als Macht. Die letzten Sätze werden lauter, dringlicher, immer wieder: „Our time as victims is over. We will no longer ask for justice. Instead we will take our retribution.“

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