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Fabian Dudek: Mit der Tür ins Haus

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Fabian Dudek. Foto: Stefanie Marcus
Fabian Dudek. © Stefanie Marcus

Die Aktualität des freien Jazz: Fabian Dudek und sein Quartett mit „Isolated Flowers“.

Vielleicht sollte man erst einmal darauf hinweisen, dass Fabian Dudek 1995 geboren ist. Er wird also in diesem Sommer 27 Jahre alt. Vor sechs Jahren hat er mit der Band „The Where Me?!“ das Frankfurter Arbeitsstipendium Jazz erhalten. Fabian Dudek braucht, so scheint es, keine langen Anläufe.

Das erste Stück seines aktuellen Albums „Isolated Flowers“ heißt „Pretty Ugly“ und kommt ohne so etwas wie eine Einleitung aus: Mit Beckenschlägen fällt das Schlagzeug wie mit der Tür ins Haus, das Klavier gesellt sich raffiniert dazu, der Bass formuliert mehrere Ideen, wo es lang gehen kann, dann kommt das Saxofon mit einer sehr dringlich artikulierten kleinen Melodie.

Alles klingt tonal sehr frei. Es gibt einen Puls und eine angespannte Grundnervosität, aber erst einmal keine durchgezogene Rhythmik. Auf eine mehrdeutig dahin schwebende Klangfläche setzt sich das Saxofon mit einer zunächst fast rhetorisch, wie eine kleine Ansprache ans werte Publikum, klingenden Passage, der Pianist ist zum Synthesizer gewechselt. Also wenn das nicht Free Jazz ist, was dann?

Es ist aber, in gewissem Sinne, gar kein Free Jazz, auch wenn diese Musik oft, sogar meist so klingt.

Sie schüttelten die Köpfe

Das Album

Fabian Dudek: Isolated Flowers. Traumton.

Free Jazz ist, das muss doch auch mal gesagt werden, ein Stil aus der Vergangenheit: In den späten sechziger Jahren fingen einige konsequente, seinerzeit als avantgardistisch geltende Musiker damit an. Viele andere Musiker, Musikerinnen und ein Teil des Publikums schüttelten die Köpfe und wandten sich ab. Andere und auch ein anderer Teil des Publikums aber wollten nichts anderes mehr spielen und hören. So war das damals. Da war Fabian Dudek noch nicht geboren. Niemand aus seinem aktuellen Quartett war schon dabei.

Skalen, Formen und mehr

Fabian Dudeks Quartett ist gewissermaßen eine U-30-Formation des aktuellen Free Jazz. Wie jeder Stil und jede Spielweise, die je im Formenkreis des Jazz kreiert wurde, hat auch der Free Jazz sein klassisches Stadium erreicht. Die vier jungen Musiker haben ein reichhaltiges Reservoir aus Spiel- und Artikulationsweisen, Skalen, Formen und so weiter gewissermaßen vorgefunden. Sie haben gemerkt, dass ihnen das gefällt und haben sich damit an ihre Weiterentwicklungs-Arbeit gemacht.

In der Zuversicht, damit nun wirklich niemanden mehr zu schockieren, nachdem der Free Jazz ein halbes Jahrhundert gehabt hat, sich zu etablieren. Sollte sich doch inzwischen herumgesprochen haben, was da alles entstanden ist und erfunden und entwickelt wurde.

So kann man also heute Musik aus Energieflüssen, eigentümlichen Harmonien, tonalen Freiheiten, artikulatorischen Erweiterungen, impliziten Metren und zuweilen hohen Tempi komponieren. Und, ja, in dieser Musik ist auch jede Menge improvisatorischer Freiheit enthalten.

Aber eben auch einiges an Planung und an Annahme und Anwendung einer entwickelten Idiomatik. So findet das Fabian Dudek Quartett mit seiner eigensinnigen Auffassung von Free Jazz eine bestechend gekonnte Balance zwischen der Bindung an eine Tradition und dem souveränen Spiel mit ihren Versatzstücken, zwischen energetisch zugespitzten Spielweisen und einer auch formal beherrschten Klangsprache.

Schon Ende Oktober, beim 52. Deutschen Jazzfestival, hatte die Band aufhorchen lassen mit ihrer eindringlichen und stets voller lebendiger Widersprüche bleibenden Verbindung aus musikalischem Abstraktionsvermögen und energetischen Strecken. „Isolated Flowers“ beweist, dass das alles andere als ein Zufall war.

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