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Bob Dylan, hier auf einem Archivbild bei einem Konzert in Benicassim (Spanien) im Sommer 2012.

"Triplicate" von Bob Dylan

Ewige Wahrheiten über Liebe und Verlust

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Mit neuem Album und Literaturnobelpreisurkunde im Gepäck geht Bob Dylan in Stockholm auf eine Tournee durch Europa.

Pünktlich zum Frühlingsbeginn beendet Bob Dylan seinen Winterschlaf. Am Samstag  startet der Rastlose in Stockholm seine Europatournee, Gelegenheit endlich den Nobelpreis abzuholen. In Tulsa, Oklahoma, öffnet das Bob-Dylan-Archiv der Forschung seine Türen, zwei Bücher sind in Arbeit, eines beschäftigt sich mit dem Einfluss der schwarzen Musik auf Dylans Werk. Der Regisseur Martin Scorsese („No Direction Home“) bereitet einen weiteren Dokumentarfilm über Dylan vor. Diesmal soll es um die Siebzigerjahre und die „Rolling Thunder Revue“ gehen, seine legendäre amerikanische Reise, begleitet von einer musizierenden Zirkustruppe. Das sind jetzt nur die Meldung der letzten zwei Tage. Und nun erscheint am heutigen Freitag auch noch das neue Album „Triplicate“.

Wie der Titel schon vermuten lässt, spielt hier die Zahl Drei eine Rolle. Dreiklang, Dreifaltigkeit, Dreidimensionalität. Aller guten Dinge sind drei. Dylan hat das erste Dreifachalbum seiner Laufbahn aber nicht etwa Triptychon oder Trilogie genannt, sondern Triplicate. Wenn ein Duplikat eine Kopie ist, kann man dann beim Triplikat von einem dritten Durchschlag sprechen? Oder gar von einer dritten Wahl? Schließlich greift er nach den Platten „Shadows In The Night“ und „Fallen Angels“ hier zum dritten Mal in Folge auf Liedgut aus dem Great American Songbook zurück, einem riesigen Fundus an Unterhaltungsmusik aus den Zwanziger- bis Vierzigerjahren.

Für ältere amerikanische Ohren handelt es sich bei diesem Repertoire gewissermaßen um Volkslieder, die alle schon von Frank Sinatra interpretiert wurden, aber auch von Künstlerinnen wie Billie Holliday, Ella Fitzgerald, Dinah Washington, Nat King Cole, Bing Crosby. Für etwas jüngere Ohren, die jetzt schon fünf Jahre auf neue Songs aus Dylans eigener Schreibwerkstatt warten, sind es nostalgisch angehauchte Schlager.

Nun hätten die dreißig Songs des Albums aber bequem auf zwei CDs oder LPs gepasst, jeder einzelne Tonträger mit jeweils zehn Stücken ist nur 32 Minuten lang. In einem gerade veröffentlichten Interview, das vielfach rezensiert wurde wie ein eigenständiges Kunstwerk, gibt Bob Dylan ein bisschen Interpretationshilfe. Die Drei sei eine Glückszahl und ein Symbol des Lichts, sagt er dort. Zudem sehe er sich mit seiner Trias in der Tradition von Aischylos, dessen „Orestie“ ja auch eine Tragödie aus drei Teilen sei. Womöglich ist diese Selbsteinschätzung eine Spätfolge des Nobelpreises. Man darf aber auch nicht vergessen, dass Dylan ein großer Spaßmacher ist, selbst wenn es ihm ernst um eine Sache ist. Dann vielleicht erst recht.

Im Mai wird er 76 Jahre alt und die Lieder auf „Triplicate“ mit ihren ewigen Wahrheiten über Liebe und Verlust, Einsamkeit und Schmerz darf man wohl als seine Lebensbilanz verstehen. Anders als zum Beispiel Leonard Cohen, der auf seinen späten Platten alle poetischen Verschleierungen fallen ließ und sich in seiner nackten Sterblichkeit dem Publikum zuwandte, kleidet sich Bob Dylan im September seiner Jahre in die Lieder seiner künstlerischen Idole. Es sind Songschreiber wie Cole Porter, George und Ira Gershwin, Richard Rodgers, Johnny Mercer und eben Sammy Cahn & Jimmy Van Heusen von denen das Stück „September of My Years“ stammt, das Dylan am Anfang singt. „One day you turn arround and it’s summer. Next day you turn arround and it’s fall.“ Gerade war noch Sommer, du drehst dich um und es ist Herbst.

Das ganze Dilemma in einem Satz. Eine Zeile von kristalliner Klarheit, wie er sie selbst nie schreiben könnte, sagt Bob Dylan. Manches hört sich einfach an und ist doch so schwer über die Lippen zu bringen. Er hat lange nach dieser Stimmung und auch dieser Stimme gesucht, mit der er die Lieder vortragen kann. Die erste Idee zu einem solchen Album sei ihm bereits Mitte der Siebziger gekommen, hat Bob Dylan einmal gesagt. Es musste beinahe ein Menschenleben vergehen, bis er das Gefühl gewann, diese Worte und Melodien endlich zu seinen eigenen machen zu können.

Wenn er heute sagt, dass eine Menge von seiner Persönlichkeit in diesen Texten stecke, ist das eine Einladung, das Album Lied für Lied durchzugehen und ein Psychogramm des Künstlers in dieser Zeit herauszulesen. Auf überraschende Wendungen wird man in Songs wie „That Old Feeling“, „My One And Only Love“, „Where Is The One“,, I Couldn’t Sleep A Wink Last Night“ kaum stoßen. Die Liebe höret nimmer auf, wie es im 1. Brief an die Korinther heißt. Also sollte man den Laptop zuklappen, das Licht dimmen und beim Zuhören einfach mal gar nichts machen.

Anders als bei den beiden Vorgängern hat Bob Dylan diesmal nicht nur eher unbekannte Stücke ausgewählt, sondern auch solche Klassiker wie „Stormy Weather“, „Sentimental Journey“, „Stardust“ und sogar „As Time Goes By“, das aus dem Film „Casablanca“ bekannte Sehnsuchtslied. Die Arrangements sind jetzt noch elaborierter als zuletzt, wozu der Einsatz einer Bläsergruppe beiträgt. Deren Arrangeur James Harper, ein junger Mann, hatte im letzten Herbst ein Selfie mit Dylan verschickt, auf dem vor allem die Alltagskleidung des sonst so offiziös gewandeten Interpreten gefiel. Motto-T-Shirt, Jeans und Reißverschlussjacke, so geht er glatt für Mitte fünfzig durch. Die beiden Kapellmeister haben gemeinsam mit Dylans Tourband famose Arbeit geleistet. Streckenweise klingt das live im Studio eingespielte Album wie eine Platte von Count Basie.

„How many roads must a man walk down, before they call him a man“, hatte Bob Dylan in einem seiner ersten großen Songs vor fünfzig Jahren gefragt. Und später dann, wie es sich anfühlt, ganz allein auf der Welt zu sein? „How does it feel?“ Ein Kanon voller Fragen zieht sich durch sein gesamtes Werk. Was war es, was du von mir wolltest? „What was it you wanted?“ Im letzten Song seiner vielleicht letzten Platte kommt er zum größten Rätsel überhaupt: „Why Was I Born?“ Warum wurde ich geboren? Die Antwort auf diese Frage weiß nicht einmal der Wind.

Bob Dylan: Triplicate. Columbia Records/Sony

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