HR-Sinfoniker

Ewig auf olympischen Höhen

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Die HR-Sinfoniker mit Lise de la Salle und Bartók und Brahms in der Alten Oper Frankfurt.

Klassizistisch gefasste Verarbeitung unglücklicher Liebe in konzertanter Form und wehmütig-andächtige Resignation in oratorischer Gestalt – beides von Johannes Brahms – rahmten das Konzert des HR-Sinfonieorchesters in der Alten Oper Frankfurt, in dessen Mitte das einstige Skandalstück „Der wunderbare Mandarin“ von Béla Bartók erklang. Nicht die gängige zwanzig-minütige Suite war dafür ausgewählt worden, sondern eine viel ausführlichere Fassung. Sie beinhaltete auch den finalen Erlösungschor, in den Bartóks Beitrag zum Neo-Barbarismus und Bruitismus der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts mündet.

Lise de la Salle war in Brahms’ 1. Brahms-Klavierkonzert eine Solistin, die partiell ihren eigenen Weg durch die weitgedehnte, quasi-sinfonische Klanglandschaft ging. Andrés Orozco-Estrada hatte ganz ungewöhnlich begonnen: in flächiger, breitgezogener Lyrik, die das sinfonisch Gewichtige und Allgemeine mit dem Liedhaften des Besonderen zur Einschmelze brachte. Die 30-jährige Pianistin aus dem französischen Cherbourg ging da oft mit, aber bei exponierten Partien stieg ihr Artikulationspegel so stark an, dass gängige konzertante Spannungen zwischen Solo und Tutti entstanden und sich so die eigensinnige Form dieser konzertanten Sinfonie verlor, nämlich des In-einem-Zug-Gehens von Solo und Tutti.

Von herausfahrender Wucht, aber auch mit schöner Dezenz war de la Salles Spiel; und ganz hervorragend der dichte, gedeckte und doch sangliche Ton des Orchesters. Viel mehr ins Leichte und Sphärische gehend agierten die HR-Sinfoniker bei der Charakterisierung der auf olympischen Höhen ewig blühenden Genien in Brahms’ „Schicksalslied“. Größte Sachtheit herrschte so in der Klangregion der im Licht Wandelnden.

Aber auch bei der Charakterisierung der ruhelosen, der fallenden und schwindenden Menschen entwickelte sich nicht die schneidende Geste, die man von anderen Aufführungen kennt. Gefasstheit – der brahmssche Komponierhabitus – war allgegenwärtig. Auch beim 40-köpfigen Vocalconsort Berlin (Einstudierung Christoph Siebert), das vokale Klarheit und Reinheit beisteuerte.

Was betreutes Hören und fürsorgliche Erlebnissteuerung anbelangt schoss der HR den Vogel ab, indem zur Konzerteinführung und zu dem ausführlichen Programmheft auch noch eine Ansprache im Moderatorentonfall vor der Bartók-Aufführung kam. Offensichtlich wollte man ob der gleich allen „in die Glieder fahrenden“ Schrillheiten die einstige Skandalträchtigkeit des mörderischen Stoffs und seines Rotlicht-Milieus als „Sozialkritik“ reanimieren.

Das Publikum beklatschte unerregt artig die wirklich großartige Leistung der Musiker und merkte sicherlich, dass der Zahn der Zeit nichts unbenagt lässt.

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