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Eva Klesse Quartett „Songs Against Loneliness“: Pandemische Gefühle

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Eva Klesse Quartett. Foto: Geraldine Hutt
Eva Klesse Quartett. Foto: Geraldine Hutt © Geraldine Hutt

Das neue Album des Eva Klesse Quartetts enthält zwölf behutsame, aber wortlose Lieder

Auf dem Album „Songs Against Loneliness“ des Eva Klesse Quartetts geht es in Sachen Dynamik überaus zurückhaltend zu, womit die Bandleaderin einem Klischee von vornherein aus dem Weg geht: dem, dass Schlagzeuger und Schlagzeugerinnen ihr Hauptaugenmerk auf Groove legen. Eva Klesse ist zurzeit Deutschlands prominenteste Jazz-Schlagzeugerin, und sie ist vor allem auch Komponistin. In ihrem Quartett herrscht ein kammermusikalischer Grundkonsens, man pflegt Klang und Melodie und Achtsamkeit und schichtet überaus sorgfältig und komplex. Das Rhythmische geschieht eher so nebenher.

Und noch ein weiteres Klischee trifft ganz und gar nicht zu, das im idiomatischen Fall von Jazz nahe läge: „Songs Against Loneliness“ ist absolut kein Balladen-Album. Dazu ist die Musik viel zu vielgestaltig und raffiniert.

Die Band weist eine nun schon langjährige Kontinuität auf – lediglich auf der Bassisten-Position hat es Wechsel gegeben – und ist seit je ein kollektives Gebilde; wohl vor allem aus Gewohnheit firmiert das Quartett unter Eva Klesses Namen. Die Verteilung der kompositorischen Verantwortlichkeiten ist gleichmäßig verteilt.

Das Album ist gedankenreich durchzogen von dem Wunsch, mit der Musik Haltungen auszudrücken und Geschichten zu erzählen, die reflexiv und introvertiert geprägt sind. Intensiv denkt diese Musik über Zwischenmenschlichkeit nach, und sie tut das auf pointiert unsentimentale Weise. Bei aller Zartheit der musikalischen Vorgänge geht es auch überaus farbig, differenziert und klangreich zu.

Und die im Titel verwendete Gattungsbezeichnung „Songs“ trifft genau zu: Alle Stücke sind liedhaft und prägnant und scheinen irgend einen Text zu bearbeiten, der aber nirgends geschrieben steht, sondern kollektiv mitgedacht (und auf dem Cover sukzessive erläutert) wird. Und wie das im Jazz so ist, darf natürlich jedes Band-Mitglied seinen eigenen Text denken und gestalten. Erst in der Summe und in der Interaktion entsteht das Ganze.

Das Album

Eva Klesse Quartett: Songs Against Loneliness. Enja Yellowbird / Edel.

Das Ganze aber ist wiederum von einer gemeinsamen Haltung getragen: Melancholie. Dieser Begriff ist fest mit der deutschen Romantik verbunden und wird in medizinisch-therapeutischen Kontexten oft mit „Depression“ gleichgesetzt. Aber das Letztere trifft für die Musik des Eva Klesse Quartetts nicht im geringsten zu. Dazu ist sie viel zu reichhaltig, melodisch und komplex.

Der Gitarrist Wolfgang Muthspiel mit seinen schnörkellosen, aber vielsagenden melodischen Phrasierungen ist als Gast präsent und erweitert das klangliche Spektrum, fügt sich aber in den Gruppengeist passgenau ein. Niemand tut hier etwas Schwelgerisches, niemand suhlt sich in romantischen oder sentimentalen Feuchtgebieten. Es herrscht im Gegenteil eher ein fast trockener Spirit: kein Schmus, nichts Süßliches. Sondern Klarheit, Umsicht und Ruhe.

Und immer eine spürbare Behutsamkeit und, ja, fast möchte man sagen: kompositorisch-spielerische Zärtlichkeit.

Wem das widersprüchlich vorkommt, der oder die liegt wahrscheinlich ziemlich richtig. Denn letztlich geht es dem Quartett vor allem darum, Melancholie, die sich vielleicht als pandemisches Nebensymptom ausgebreitet haben mag, nicht beiseite zu schieben, ihr aber auch nicht die eigene Handlungsfähigkeit zu opfern und denen, die – wie im drittletzten Stück „Anthem (For The Anthemless)“ – keine Hymne haben, eine zu geben. Eine sehr feine, aber unfeierliche und unhymnische.

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