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Lorde singt im Juni in Toronto.

Lorde

Sie hat etwas zu erzählen

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Mit „Melodrama“, ihrem neuen Album, lässt Lorde die Phase des bloß Netten einfach aus.

E s gibt einen Clip von den Billboard Music Awards, in dem Lorde die Single „Green Light“ als Karaoke performt. Sie, in Jeansjacke und Karottenhose, wirft sich irgendwann auf die Couch zu den anderen Gästen, der Song wird von der theatralischen Ballade übers Nicht-Wegkommen zum Dancepop, sie singt weiter in die Kamera, tanzt, sitzend, dreht sich zur Sitznachbarin, streichelt ihr den Oberschenkel – die kaut Kaugummi, ist wohl verlegen, sie lacht kurz so laut auf, dass es durch Lordes Mikro zu hören ist. Lorde verzieht keine Miene. Lorde lacht nichts weg, da ist keine erkennbare Ironie und keine so verständliche wie nervtötende Distanz, die absolut alles zuließe.

Schon Lordes erstes Album „Pure Heroine“ deklinierte mit maximalem Ernst die Fälle durch, damals war sie sechzehn. „Pure Heroine“ war sehr gut, der Hit „Royals“, die Eröffnung „Tennis Court“. Ihre Stimme warm und durchdringend, die Vermutung berechtigt, sie würde etwas zu erzählen haben. Die Sounds auf dem Album jedoch waren preisgünstig und minimalistisch.

Hier setzt „Melodrama“ nun an, es klingt teuer und originell und detailverliebt, statt der Keyboards immer wieder ein Klavier. Die Bässe sind da, es sind Zitate aus den 80ern und 90ern da, kühle Synthies, künstliche Bläser, „Sober“ könnte von Michael Jackson sein. Und tatsächlich, das ist in etwa die Größenordnung, in der sich Lorde mit diesem Album bewegt. Große Musik und das dazu, was nur im seltenen Idealfall dazukommt und wo die Arbeitsteilung der Musikindustrie potenzieren kann: großes Artwork, gute Pressefotos, einen Begriff von Mode.

„The Louvre“ könnte mit seiner drängelnden Gitarre die ersten fünfundvierzig Sekunden ein Indie-Hit sein, dann kommt die Tiefe. „They’ll hang us in the Louvre. Down the back, but who cares – still the Louvre.“ David Bowie meinte über ihre Musik, wenn man sie höre, höre man das Morgen. Wenn der Signature-Sound der nächsten Jahre so würde, so wiedererkennbar aktuell und doch zitatsatt – das wären große Jahre für die Popmusik.

Ein genialer Einfall hält „Hard Feelings/Loveless“ zusammen: „Go back and tell it.“ Ein Grummeln, Fingerschnipsen, ein blechernes Keyboard. Sie spricht, bloß: „Now we sit in your car and our love is a ghost.“ Ein Beat aus Metall, das klingt wunderbar, vor allem stanzt dieser nicht einfach beliebig an genau dieser Stelle hinein, er verdoppelt, wovon sie singt. „Well, I guess I should go.“

In einem großen Interview in der „New York Times“, die ihr einen schönen Text von über fünftausend Worten widmet, entkräftet sie das Naheliegende: Kein Trennungs-Album. Sondern eines über das Alleine-Sein. Sie sagt auch, es behandele im Kern eine einzige Nacht auf einer Hausparty. Die Höhen und Tiefen, die Euphorie auf der Tanzfläche, die schmeichelnden Blicke, der Rausch, dann der entgeisterte Blick in den Spiegel, es wird kippen. „And you go home and you cry and you want to die“.

Lorde hat das sehr große Album schon jetzt aufgenommen. Mit Songs, bei denen jeder einzelne mindestens eine sehr gute Idee ausstellt, mit Texten, in denen das Erwachsenenleben die klugen Fragen der Jugend einkapselt, mit einer – bei aller Diversität der Songs – durchgehenden Haltung. Lorde hat die Phase der bloß ganz netten ersten Alben, die Phase des Teenieidols und der Vorwürfe der Oberflächlichkeit, des Industrieprodukts, einfach ausgelassen. Lorde musste nicht wie Katy Perry oder Britney oder Justin Bieber oder Beyoncé die Tiefe und die reifen Alben in einen Gegensatz bringen zur Wegkonsumierbarkeit des Zuvor.

In „Supercut“ fällt es mir ein: Das klingt nach Robyn. Und gleichwohl das ästhetisch in ganz andere Richtungen weist – aber– mit ähnlicher Intensität –, „Melodrama“ ist das wohl beste Popalbum seit Robyns „Robyn“. Das war 2005. Lorde spielt diesen Herbst in Deutschland noch ein paar mittelgroße Hallen. Das wird bald vorbei sein.

Lorde: Melodrama. Universal.

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