Musik

Es flöge es durch den Raum

  • vonTim Gorbauch
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Nils Wogram’s Root 70 im Stadttheater Rüsselsheim.

Das Jubiläum hätte er sich sicher anders vorgestellt, aber jetzt ist Nils Wogram erst einmal froh, dass er es überhaupt auf einer Bühne feiern kann. Vor zwanzig Jahren gründete er mit Hayden Chisholm, Matt Penman and Jochen Rückert das Quartett Root 70 – Wogram, 1972 in Braunschweig geboren, wurde da gerade als das neue Wunderkind des europäischen Jazz gehandelt. Gemeinsam denken sie seitdem den Jazz in langen Linien weiter, bestechend klar, irrsinnig virtuos und dabei völlig selbstverständlich, so ganz ohne Kraftmeierei oder konzeptionelles Pathos.

„Seeing the new in the old“, hieß einmal ein Root-70-Stück, das überhaupt nicht programmatisch gemeint war, und doch Wograms Haltung ziemlich gut beschreibt: „Mir geht es immer darum, eine Tradition aufzugreifen und die erst mal nicht grundsätzlich infrage zu stellen“, erzählte der Posaunist, Komponist und Produzent einmal, „sondern zu schauen, warum sich diese Tradition über so lange Zeit entwickelt und manifestiert hat. Und dann kommt die Frage: Wie kann man es schaffen, daraus etwas Eigenes zu machen, ohne in diese Retro-Falle zu tappen?“ Im Rüsselsheimer Stadttheater zeigt er auf Einladung der Jazz-Fabrik, wie gut das geht.

Wie schnell die Zeit vergeht

Es ist eine Art Werkschau, eine Reise durch 20 gemeinsame Jahre – und manchmal erschrickt auch Nils Wogram ein bisschen, wie schnell all die Zeit vergangen ist. „Lunch Break“ etwa, getragen von einem wunderbar rumpelnden, Haken schlagenden Groove, komponierte er immer dann, wenn seine zweijährige Tochter Mittagsschlaf hielt. Heute ist sie 17.

Wograms Musik ist dabei bestens gealtert – wer nie erkennbar Anschluss an Moden sucht und lieber in Kontinuitäten denkt, fällt eben nicht aus der Zeit. Sie ist raffiniert und frei, fließend und sprunghaft zugleich, zu ganz vielen Seiten hin offen und von einer ganz enormen Musikalität. Hayden Chisholms Altsaxofon etwa klingt so ungemein fein und leicht, als flöge es durch den Raum, immer auf der Suche nach anderen Klängen, mit denen es sich verbinden kann. Und Wogram kann ohnehin einfach alles, nur muss er das nie ins Schaufenster stellen. 2013 erhielt er den Deutschen Jazzpreis, kein Preisträger war jünger als er.

Man hätte Wogram, Chisholm, Penman und Rückert zum Jubiläum eine große Tour, einen dicken roten Teppich und voll besetzte Säle gewünscht, aber die Zeiten sind nunmal andere. Wenigstens hat sein Jazz wieder einmal eine Bühne gefunden. Allein dafür muss man heute dankbar sein.

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