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Der Chor und die Solisten haben sich um Jesus versammelt: Die Johannespassion, halbszenisch in der Alten Oper Frankfurt. 

Simon Rattle / Peter Sellars

Erzähle der Welt und dem Himmel die Not

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Johann Sebastian Bachs Johannespassion in der Alten Oper, höchst inniglich und umwerfend privat.

Eine bebilderte Bachpassion muss einen nicht überzeugen, aber auch nicht befremden. Wem John Neumeiers getanzte Matthäuspassion – auch sie war schon, verflixte 14 Jahre ist es her, in der Alten Oper Frankfurt zu sehen – weniger nahe rückte, der konnte jetzt vielleicht mit Peter Sellars’ halbszenischer Lesart der Johannespassion mehr anfangen. Mit ihrer unerwarteten Intensität und Intimität im riesigen Saal, vor allem mit dem wirkungsvollen Einsatz des Chores, der waberte und fuchtelte, am Boden lag und aufsprang, sich jedenfalls aufrappelte, bedrohlich heranrollte und nach Art von Menschenschwärmen wieder zurückwich, auch auseinanderpurzelte in leidende, glotzende oder sich einfach still ins Halbdunkel zurückziehende Individuen. Das Halbe am Halbszenischen ist eine Macht für sich, ähnlich wie man es aus sehr gut gemachten konzertanten Opernaufführungen kennt: Nichts enttäuscht, (fast) nichts drängt sich auf. Das gemäldeartige Ausleuchten einzelner Szenen, das Nachtblau über dem Garten Gethsemane: geschmackssicher und abwechslungsreich.

Die Produktion des US-amerikanischen Regiealtmeisters Sellars wird auch schon seit eingen Jahren gezeigt und ist, wie man liest, immer wieder geschärft und weiterentwickelt worden. Auf einer kleinen, allerdings äußerst aufwendigen Tour machte sie beim (ausverkauften) Bachkonzert in Frankfurt Station: Man erlebte den fitten Choir of the Age of Enlightenment, der liegend, laufend, springend und auswendig sang. Und sollte er dafür Abstriche seiner Leistung in Kauf nehmen müssen, so ist diese noch immer glasklar genug. Geboten wurde neben Innerlichkeit und Zartheit auf Wunsch des Dirigenten Simon Rattle ebenso die volle Durchschlagskraft von etwas mehr als 30 auch solistisch befähigten Sängerinnen und Sängern.

Während sie den linken Teil der Bühne für sich hatten, saß rechts das Orchestra of the Age of Enlightenment, aus dem sich zuweilen einzelne Mitglieder lösten, um sich mit Oboe, Flöte oder Viola d’amore zu den Singenden zu begeben, die kleine und große Tableaus bildeten. Einige offenbar nicht zu späte Absagen (Christian Gerhaher und Magdalena Kožená) konnten ausgezeichnet kompensiert werden. Zum vorzüglichen Solistensextett gehörte nun Georg Nigl, als Amfortas-nah, nämlich modern und ausdrucksstark modulierender (weiß Gott nicht einfach nur singender) und an seiner eigenen verklemmten Mutlosigkeit laborierender Pilatus. Der Jesus des Baritonkollegen Roderick Williams ging aufs Ganze, nämlich im Leiden und Sterben nicht nur zu Boden, sondern fast unter die Hörgrenze. Das Publikum hatte Grund, den Atem anzuhalten, die berühmte Nadel hätte sich wohl so gut durchsetzen können, wie jedes einzelne Pling der Laute: ein aufregendes, aber forderndes Erlebnis.

Konsequent wurde die Konzertsaalsituation auch von dem Tenor Mark Padmore verlassen, der aus einem nicht unmittelbar beteiligten Evangelisten zum Akteur wurde: der helfen will, nicht helfen kann, dem das alles furchtbar leid tut. Das Persönliche der rezitativreichen, eng am Geschehen bleibenden Johannespassion wurde hier am deutlichsten und vermutlich unvergesslichsten.

Unvergesslich auch Rattle als herumwandernder, aufmerksamer Dirigent, der sich keineswegs in alles immer sichtbar einmischte.

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