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Alan Gilbert ist der neue Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker.

Interview mit Dirigenten der NY Philharmoniker

"Die erste Probe ist entscheidend"

Alan Gilbert, der neue Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Am 27. Januar gastiert er mit dem Orchester in Frankfurt. ( mit Video)

Herr Gilbert, für viele Beobachter symbolisieren Sie eine neue Dirigenten-Generation. Hat diese neue Generation auch neuartige Ziele?

Ich finde es lustig, was man über diese neue Generation alles geschrieben hat. Man vergisst dabei aber, dass Lorin Maazel, als er seine ersten Chefpositionen übernahm, nicht älter war als ich heute. Wir haben uns daran gewöhnt, Dirigenten als distinguierte Männer mit grauen Schläfen anzusehen. Dafür kann ich aber nichts. Große Musik wird immer genug Neuartiges zu bieten haben, um neue Ergebnisse zu erzielen. Ein gemeinsames neues Ziel zu verallgemeinern, scheint mir aber unmöglich. Auch bei Dirigenten haben wir es schließlich mit Individuen zu tun.

Nichts Neues also?

Doch. Der alte Tyrannen-Typus des Dirigenten ist aus der Mode gekommen und wäre heute bei den meisten Orchestern auch überhaupt nicht mehr durchsetzbar. Aber das ist schon fast alles, was man präzise darüber sagen kann. Lorin Maazels Meinung, dass die Dirigenten von heute alle zu lieb geworden sind, teile ich nicht. Autoritäres Auftrumpfen ist für einen Dirigenten nicht mehr ohne weiteres möglich, aber auch nicht mehr nötig.

Immer noch scheint es in den USA eine Vorliebe für europäische Dirigenten zu geben: etwa Riccardo Muti in Chicago, Manfred Honeck in Pittsburgh, Paavo Järvi in Cincinatti.

Das liegt eher daran, dass die musikalische Welt klein ist. Osmo Vänskä ist nicht nach Minnesota verpflichtet worden, weil er Europäer ist, sondern weil es zwischen ihm und dem Orchester von Beginn an harmonisch zuging. Und schauen Sie sich den Erfolg amerikanischer Dirigenten in Europa an: Man muss zusammenpassen. Und in meinem Fall: Ich bin gewiss nicht gewählt worden, weil ich New Yorker bin.

Verglichen mit Ihren Vorgängern Lorin Maazel oder Leonard Bernstein wirken Sie weniger glamourös.

Nun, so glamourös wie Bernstein kann man natürlich gar nicht sein. Er war unschlagbar schillernd. Glamour ist ein soziales Phänomen. Man bekommt ihn zugesprochen oder nicht. Ich persönlich halte mich nicht für besonders glamourös. Allerdings glaube ich, dass jeder Dirigent über ein gewisses Maß an persönlichem Magnetnismus verfügen muss, um auf Orchester und Publikum zu wirken. Man muss deswegen noch lange nicht in die Luft springen oder eine Mähne wie Franz Liszt haben. Zu einigen der interessantesten Aufführungen, die ich erlebt habe, gehörten die von Georg Solti, ein Dirigent, der klar und mysteriös zugleich sein konnte - eine ideale Mischung.

Da Ihre beiden Eltern Mitglieder des New York Philharmonic waren, sind Sie gleichsam aus dem Orchester heraus gewachsen. Hat das auch Nachteile?

Es stimmt, ich hatte ein Verhältnis zum Orchester, schon bevor man mich als Dirigenten wahrnehmen konnte. Die Musiker haben mich fast alle als Kind gekannt. Ich musste daher eine gewisse Transformation durchmachen. Das kann schwierig sein aufgrund der Erwartungshaltungen, die sich bei diesem Prozess verändern müssen. Nun war ich ja zwischendurch eine Weile weg...

in Santa Fé und in Stockholm.

Als ich zurückkam, war sofort Vertrauen da. Man sagte: "Guckt euch den Jungen an! Wollen wir ihm eine Chance geben?"

Eine sehr amerikanische Reaktion im besten Sinne.

Ja, ich spürte sofort einen gewissen sense of goodwill. Der entscheidende Moment für jeden Dirigenten ist immer die erste Probe. Da geht es um alles, da geht es um die Chemie. Und die hat man nur teilweise selbst in der Hand. Ich war furchtbar nervös, weil es ja gut gehen sollte und weil ich meine Eltern nicht enttäuschen wollte. Aber dann, und das war das Entscheidende, fühlte es sich eben gar nicht wie eine erste Probe an, sondern wie eine zweite.

Mit welchen Projekten wollen Sie in New York Zeichen setzen?

Zunächst mit einigen halbszenischen Opernaufführungen. Wir sind im Lincoln Center direkte Nachbarn zweier sehr gut funktionierender Operntruppen, darunter der Metropolitan Opera. Dennoch ist György Ligetis Oper "Le grand macabre", die ich in einer halbszenischen Aufführung dirigieren werde, in New York noch nie aufgeführt worden. Ähnlich will ich es mit Messiaens "St. Francois d´Assise" halten, den es in New York auch noch nie gegeben hat. Ich bin kein Zyklus-Mensch. Ich möchte zum Mahler-Jahr 2011 keinen Mahler-Zyklus dirigieren und zum Wagner-Jahr 2013 lediglich eine Suite, die ich aus Teilen des Werkes selber zusammengestellt habe. Ich möchte musikalische Landschaften beschreiben, Geschichten erzählen.

Was würden Sie als das Zentrum Ihres Repertoires bezeichnen?

Wagner ist einer meiner Favoriten, aber ich bin kein Spezialist. Man sagt immer, ich mache viel zeitgenössische Musik. Selbst das könnte ich eigentlich nicht so bestätigen. Die Wiener Klassik ist mir wichtig, und die bildete in der Vergangenheit in New York nicht gerade einen Schwerpunkt. Das gleiche gilt für die neue Wiener Schule um Alban Berg, Schönberg und Webern.

Zu welchem Ihrer Vorgänger beim New York Philharmonic empfinden Sie die größte Nähe?

Schwer zu sagen. Die meisten Konzerte habe ich unter Zubin Mehta gehört. Ich würde mich schämen, wenn ich mich in irgendeiner Weise mit Leonard Bernstein vergleichen würde. Seine Fähigkeit, Musik und Leben ineins zu setzen, waren in der Tat sehr wichtig, auch für mich.

Kann man es sich als amerikanischer Dirigent leisten, Bernstein nicht zu bewundern?

Durchaus. Wissen Sie, viele kennen ihn gar nicht mehr, es ist erstaunlich, wie vielen Musikern auch in Amerika Bernstein überhaupt kein Begriff mehr ist. Er war eine komplizierte Persönlichkeit, und durchaus nicht stolz auf alle Aspekte seiner Biographie. Viele der Konzerte, die ich mit ihm gehört habe, sind die besten, die ich je erlebt habe. Ich erinnere mich sehr lebendig an das Glücksgefühl, das im Saal herrschte, wenn man einen Bernstein-Abend erleben durfte.

Wie sehen Sie das New York Philharmonic innerhalb der Spitzenorchester weltweit?

Als eines der besten. Sie können sagen: "Der Kerl muss das ja sagen!" Aber wissen Sie: Ich glaube sogar daran.

Wer sind Ihre größten Idole?

Daniel Barenboim ist ein großer Held für mich. Ich stimme nicht mit allen seinen Meinungen überein, aber ich bewundere, wie er die Leute zu motivieren und für seine Ziele zu gewinnen versteht.

Amerikanische Orchester scheinen aufgrund geringer öffentlicher Subventionen, wegen starker Gewerkschaften und durch die Finanzkrise angreifbarer als andere. Haben Sie Sorgen?

Kein Zweifel, dass wir uns in einer sehr schwierigen Situation befinden. Private Spender, die für amerikanische Orchester von größter Wichtigkeit sind, verhalten sich sehr zurückhaltend. Dabei sind die Fixkosten eines Orchesters zumeist nicht verhandelbar. Glücklicherweise verfügt das New York Philharmonic über ein sehr starkes Support-System. Wir haben bislang nichts Wesentliches an unseren Planungen ändern müssen. Aber kleineren Orchestern geht es leider vielfach stärker an den Kragen.

Sie scheinen ein Dirigent zu sein, der aus New York stammt, in New York arbeitet und vielleicht nie seine Heimatstadt über längere Zeit verlassen haben wird. Gut so?

Sie meinen, so cool ist New York auch wieder nicht? Stimmt. Aber vergessen Sie nicht, dass ich acht Jahre in Stockholm gelebt habe, als ich Chef der dortigen Phiharmoniker war. Und bin nur gerne zurückgekommen.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

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