Erste Allgemeine Verunsicherung

A schöne Leich’

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Die Erste Allgemeine Verunsicherung auf Abschiedstournee, ihrer ersten, in der Jahrhunderthalle.

Die Österreicher und der Tod – eine Liebesbeziehung. Auch zum Ausdrucksspektrum der Ersten Allgemeinen Verunsicherung gehört morbider Humor. Ihre Abschiedstournee inszeniert die EAV denn auch als Beerdigung. Klaus Eberhartinger, auch mit 68 stimmlich und tänzerisch agiler Frontmann, wird im Sarg auf die Bühne der Frankfurter Jahrhunderthalle getragen, im Hintergrund dräuen Grabkreuze. Das Lied „Vorbei“ macht den Anfang: „Trinkt’s auf mi irgendwos und seid’s net zwider / weil: was vorbei is, des is vorbei“.

„1000 Jahre EAV“ steht über der Bühne, nur leicht übertrieben: 1977 gründete sich die Band, aus der Ursprungsbesetzung ist Gitarrist und Songschreiber Thomas Spitzer noch da. Eberhartinger kam 1981 dazu und prägte die erfolgreichsten Jahre der Band, mit Hits wie „Ba-Ba-Banküberfall“ – in Frankfurt gleich der zweite Song –, „Märchenprinz“, „Küss die Hand schöne Frau“ oder „Fata Morgana“.

Aus den Jahren vor dem Durchbruch-Album „Geld oder Leben“ von 1985 haben sie ein Medley im Programm. Darunter der „Alpenrap“: ein damals visionärer, seit DJ Ötzi und Andreas Gabalier nicht mehr fiktiver Businessplan zur lukrativen Verpoppung von Alpenklischees. Und „Tanz Tanz Tanz (den Apocalypso)“: ein Seitenhieb auf die Manierismen der Neuen Deutschen Welle.

Rampensau Eberhartinger conferenciert wortreich, mit dem Alter von Band und Publikum kokettierend. Schroffer, rockiger als auf den alten Alben spielt die Band, musikkabarettistisch angehaucht, mit häufigen Kostümwechseln und Accessoires wie den schon traditionellen Schaumstoffmuskeln zu „An der Copacabana“. Halb vergessene Perlen wie das Mafia-Epos „Heiße Nächte in Palermo“, „Liebe Tod und Teufel“ und die Obdachlosen-Operette um den „Sandlerkönig Eberhard“ kommen zu ihrem Recht, das wegen seiner Kirchenkritik vom Bayerischen Rundfunk einst boykottierte „Muaterl“ und natürlich „Burli“. Auch das Lied über einen wegen der Tschernobyl-Havarie mutierten Buben spielte der BR seinerzeit nicht.

Die EAV, in Deutschland manchmal als Karnevalscombo missverstanden, war immer auch politisch, legte sich mit dem wegen seiner NS-Verstrickungen umstrittenen Präsidenten Kurt Waldheim an, mit der Kirche sowieso und immer mit Rechten und Rechtspopulisten. Die sitzen heute, man vergisst es allzu gern, in der Alpenrepublik an den Machtschalthebeln. Das entschuldigt manche arg schlichte „Die da oben“-Plattitüde aus den neueren Liedern wie „Neandertal 2016“, „Rechts 2/3“ oder „Trick der Politik“. Am Ende steht „Der Tod“, den das von der Sense bedrohte lyrische Ich nach Salzburg zum „Jedermann“ umlenkt. Dann steigt Eberhartinger wieder in den Sarg. Aber es folgen Zugaben. Wie seit 1000 Jahren beschließt die alkoholische Arie „Morgen“ den Abend.

Die „Abschiedstournee“ trägt den Stempel „die erste“. Ob die EAV also wirklich jetzt ein neues Leben beginnt oder wie in „Morgen“ daraus „übermorgen oder vielleicht erst irgendwann“ wird, bleibt offen. Eins jedenfalls ist die Tournee: a schöne Leich’.

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