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Glenn Gould als Vorbild: Evgeni Koroliov.

Koroliovs Goldberg-Variationen

Erst spät wächst die Musik

Evgeni Koroliov spielt die Goldberg-Variationen: Seit der Kindheit hat ihn Bach nie wieder losgelassen. Koroliov ist ein Geheimtipp. Dennoch enttäuscht er an diesem Abend in Frankfurts Alter Oper. Von Tim Gorbauch

Von Tim Gorbauch

Er war noch keine zehn Jahre alt, da hörte er in Moskau Glenn Gould bei einem seiner raren Live-Auftritte Bach spielen und war tief beeindruckt von der Vielzahl der Stimmen, die er da hörte. Bald wurde Bach dann auch für den jungen Pianisten Evgeni Koroliov eine Lebensangelegenheit, mit 17 schon spielte er das Wohltemperierte Klavier, komplett, versteht sich.

Und seitdem hat er ihn nicht mehr losgelassen. Koroliov kehrt immer wieder zu Bach zurück, und nicht wenige sagen, keiner spiele ihn so klar, so bescheiden und unaufdringlich wie der 1949 in Moskau geborene, seit Jahrzehnten aber in Hamburg lebende Pianist.

Dennoch ist Koroliovs Bach eine Art Flaschenpost, ein Geheimnis, das sich, verborgen vorm großen Publikum, Kenner und Liebhaber zuflüstern. Koroliov hat sich seit je konsequent der Vermarktung entzogen, noch nicht einmal als Anti-Star wollte er sich inszenieren lassen. Und wenn er in Frankfurts Alter Oper die Bühne betritt, mit schwarzer Hose, unscheinbarem blauen Hemd und einer Frisur, die Franz Müntefering in den 90er Jahren Spott einbrachte, wenn er dann fast stoisch am Steinway sitzt, ganz ohne Grimassen, nicht einmal mit erkennbarem Körpereinsatz - dann ist da tatsächlich nichts, was sich zwischen uns und Bach stellen könnte.

Trotz aller Bewunderung hat sich Koroliov nie die Exzentrik zueigen gemacht, mit der Gould Bach zelebrierte. Zwar geht es ihm auch oft um polyphone Transparenz, aber er überhöht sie nicht zum Dogma. Ohnehin ist Koroliovs Bach im besten Sinn unideologisch. Er führt verschiedenste Traditionen zusammen, die Motorik Goulds und die Poesie eines Edwin Fischer, die klare Linie und den innigen Gesang.

Dennoch ist sein Auftritt, und hier spricht ein Anhänger, an diesem Abend enttäuschend. Gerade zu Anfang fehlt dem Ton jede Präsenz, die Aria, die er vor allem als weit geschwungene, atmende Melodie begreift und mit Binnen-Rubati schmückt, gewinnt nicht die Größe, die Koroliov sucht, und die erste Variation wirkt im Vergleich zur eigenen, bei Hänssler veröffentlichten Aufnahme geradezu blutleer.

So geht das eine Weile, fast bis zur Hälfte im Grunde: Langeweile auf hohem Niveau. Erst spät wächst die Musik, die 19. Variation etwa hat eine luzide innere Ruhe, wie sie fast nur Koroliov gelingen kann. Und die markante, fast zehn Minuten währende 25. Variation, in der die Musik still zu stehen scheint, atmet den Geist der Moderne - Koroliov öffnet ihre radikale, widerständige Weitsicht. Und spielt sie doch ganz selbstverständlich.

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