+
Daft Punk wie immer behelmt.

Grammys 2014

Mit Ersatzredner

Kurioses, Originelles und Sinnloses bei der Grammy-Verleihung. Abräumer Daft Punk lieferte einen rundum gelungen Auftritt hin, während sich ein Ex-Beatle blamierte.

Von Jens Balzer

Kurioses, Originelles und Sinnloses bei der Grammy-Verleihung. Abräumer Daft Punk lieferte einen rundum gelungen Auftritt hin, während sich ein Ex-Beatle blamierte.

Zum 56. Mal sind am Sonntag in Los Angeles die Grammy Awards verliehen worden. Zu Beginn der Veranstaltung begeisterte das singende und rappende Ehepaar Jay-Z und Beyoncé Knowles mit einem seiner seltenen Paar-Auftritte. Nachdem Beyoncé sich zunächst eine Weile im Dunkeln um einen eingenebelten Stuhl gewunden hatte, tanzte Jay-Z ebenfalls auf die Bühne und bot gemeinsam mit ihr den Song „Drunk in Love“ dar.

Auch ansonsten wird dieser Grammy-Abend vor allem wegen seiner ungewöhnlichen, mal originellen, mal auch eher sinnlosen Zusammenstellungen von Musikern in Erinnerung bleiben. Beispielsweise spielte die kalifornische Rockgruppe Metallica ein Stück mit dem chinesischen Pianisten Lang Lang. Nach den Proben hatte Lang Lang die interessante Auffassung geäußert, dass Metallica sich wie Franz Liszt anhören; auf der Bühne lieferte er sich ein nicht endendes Gegniedel-gegen-Geklimper-Duell mit den Metallica-Gitarristen James Hetfield und Kirk Hammett, dessen Ausgang man wohl als unentschieden bewerten muss.

Eher rätselhaft blieb auch der Anlass für das Zusammentreffen von Trent Reznor von Nine Inch Nails mit Lindsey Buckingham von Fleetwood Mac und dem Queens-of-the-Stone-Age-Gitarristen Josh Homme; aus dem Zusammentreffen der Superstars (ach ja, Foo-Fighters-Schlagzeuger Dave Grohl war auch noch dabei) resultierte kaum mehr als mulmiger Rumpelrock.

Typische blickdichte Helme

Rundum gelungen war hingegen der Auftritt, den Daft Punk mit Stevie Wonder und – den auch an ihrem neuen Album „Random Access Memories“ beteiligten – Pharrell Williams und Nile Rodgers absolvierten; ihren „Get Lucky“-Hit vermischten sie mit einigen Passagen aus „Le Freak“ von Nile Rodgers’ alter Band Chic. Die Ehrung als beste Pop-Gruppe des Jahres nahmen Daft Punk dann nicht nur in gut geschnittenen Anzügen mit weißem Hemd und Fliege entgegen, sondern auch mit den für sie typischen blickdichten schwarzen Helmen über den Köpfen, bei deren Verwendung man sich stets darum sorgt, dass die Musiker aus Mangel an Durchblick gleich irgendwo gegenlaufen.

Weil man Daft Punk in diesen blickdichten Helmen auch nicht sprechen hören konnte, übernahm Pharrell Williams die Dankesrede. Er hatte sich in eine Adidas-Jacke mit etwas zu kurzen Ärmeln gekleidet und trug einen braunen Hut, der von Smokey the Bear inspiriert war, einem sprachbegabten Bären, der amerikanische Schulkinder über die Gefahren des Waldbrands und die Möglichkeiten zu seiner Verhinderung aufzuklären pflegt. Als sie später dann auch noch für die „Single des Jahres“ und das „Album des Jahres“ ausgezeichnet wurden, kehrten Daft Punk in weißen Ganzkörper-Roboter-Anzügen zurück.

Und was gibt es sonst zu berichten? Mit mehreren Grammys wurde die ebenso junge wie tolle australische Sängerin Lorde geehrt, die auf ihrem Debütalbum „Pure Heroine“ kluge Zustandsbeschreibungen der Adoleszenz mit virtuos gebastelten, ebenso minimalistischen wie vertrackten Beats kombiniert. Die Rapper Macklemore & Ryan Lewis wurden zu den besten Nachwuchstalenten ernannt und spielten kurz vor Abschluss des Abends mit Madonna ein Medley aus ihren Songs „Same Love“ und „Open Your Heart“, zu dem zahlreiche Paare im Publikum heirateten.

Lausigste Darbietung lieferte Ringo Starr

Die sehr gut frisierte Countrysängerin Taylor Swift spielte in einem Brautkleid eine Klavierballade, in deren Verlauf sie sehr zornig wurde; Pink ließ sich beim Singen ihres Lieds „Try“ in hübsch anzusehender, dramaturgisch aber eher zusammenhangloser Weise an einer Trapezvorrichtung hoch über den Köpfen des Publikums herumwirbeln.

Die optisch und musikalisch lausigste Darbietung des Abends – dieses Urteil kann man sich an dieser Stelle leider nicht sparen – wurde von dem von der Gruppe The Beatles bekannten singenden Schlagzeuger Ringo Starr auf die Bühne gebracht; er schunkelte sich mit schiefer Stimme fünf schier nicht enden wollende Minuten lang durch seinen weiland mit George Harrison verfassten Song „Photograph“. Zum zweiten Mal war Starr dann wenige Minuten später als Schlagzeuger in der Band Paul McCartneys zu sehen; zwischendurch erinnerte die Schauspielerin Julia Roberts an den 50. Jahrestag des ersten Auftritts der Beatles im US-amerikanischen Fernsehen und an die dadurch ausgelöste „British Invasion“.

Schon am Samstagabend hatten die überlebenden Beatles einen Grammy für ihr Lebenswerk erhalten – ebenso wie die deutschen Elektropop-Pioniere von Kraftwerk. Die rührend nervöse und ungelenk vorgetragene Rede des Bandmitbegründers Ralf Hütter kann man sich auf der Grammy-Webseite ansehen – ebenso wie eine Reihe von Lobpreisungen der Band und ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Popmusik im Allgemeinen und des amerikanischen Pop im Besonderen. Schon immer war ihr Ruf in den USA ja größer als zu Hause; es ist kein Zufall, dass die internationale Renaissance von Kraftwerk vor zwei Jahren mit ihrer Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art begann. Und muss man erwähnen, dass sie nun zwar einen Lebenswerk-Grammy besitzen – aber von den Juroren des deutschen Musikpreises Echo bis auf den heutigen Tag ignoriert worden sind?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion