Maurizio Pollini

Der ernste Virtuose

Maurizio Pollini spielte in der Alten Oper seinen Chopin, den Tiefenschürfer - mit jenem Ernst, den nur er aus diesen Noten herauszulesen versteht.

Von Stefan Schickhaus

"Wir haben", so 1996 der Laudator Joachim Kaiser über den Siemens-Musikpreisträger Maurizio Pollini, "ein falsches Bild vom geistigen Italien, wenn wir immer nur an gutgelaunte Tenöre denken oder an grandseigneurale Lebenskünstler, die sich´s lächelnd richten. Ich glaube nicht, dass es ernstere Interpreten gibt als Pollini, Michelangeli und Toscanini." Denn diese Italiener seien "kompromissfeindlich und humorlos wie Dante, wenn es um das Eigentliche geht".

Der ernste Virtuose Maurizio Pollini, er war zu Gast in der Alten Oper Frankfurt. Und er tat das, was er seit genau 50 Jahren, seit seinem Warschauer Chopin-Wettbewerbsgewinn so unvergleichlich gut tut: Er spielte Chopin mit jenem Ernst, den nur er aus diesen Noten herauszulesen versteht.

Wenn er die Nocturnes cis-Moll op.27/1 und das folgende in Des-Dur bruchlos ineinander überblendet, so unglaublich ausgeklügelt in der dynamischen Disposition, oder wenn er die b-Moll-Sonate mit einem bei ihm so irrlichternd modern wirkenden Presto-Finale abschließt, hat man keinen Wellness-Chopin vor sich. Sondern einen genuinen Pollini-Chopin, einen, der unter den Händen des 68-jährigen Italieners zum Tiefschürfer wird. Übergroße Sachlichkeit wurde dem Pianisten schon mal vorgeworfen, und unangebrachte Kühle gegenüber dem weichen Rubato. Der Pollini des Jahres 2010 jedenfalls, farbfähiger denn je, kennt diese Nüchternheit nicht.

Randvoll mit Inhalt

Mitunter aber kollabiert das Hörer-Ohr sogar vor dem Informationsüberfluss, den Pollini anbietet. Etwa im Schlusssatz der dritten Klaviersonate f-Moll von Robert Schumann: Prestissimo possibile ist der Satz überschrieben, genau so schnell wird er von Maurizio Pollini vorgetragen und dennoch legt der Pianist, der immer vielstimmig denkt, alle Strukturschichten Schumanns frei. Ein hoch kompliziertes Klangbild entsteht auf diese Weise, der Hörer staunt. Maurizio Pollini, fast dann doch ein Italien-Klischee, ist ja immer auch Virtuose geblieben. Eben einer, der sein Tun mit Inhalt randvoll füllt.

Als erste der beiden Chopin-Zugaben spielte Maurizio Pollini das, was er auch bei seinem letzten Auftritt in Frankfurts Alter Oper im Jahr 2003 zugab: Die Revolutions-Etüde. Kam, spielte fast noch im Niedersetzen die ersten Töne, und lächelte danach wie gewohnt höflich, als ihn das Frankfurter Pro-Arte-Publikum stehend feierte.

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