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Erkki-Sven Tüür.
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Erkki-Sven Tüür.

Kammermusik

Erkki-Sven Tüür „Lost Prayers“: Gebets-Vektoren

  • VonHans-Jürgen Linke
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Erkki-Sven Tüürs Kammermusik-Album „Lost Prayers“.

Was eigentlich ist eine Klangsprache? Im Falle des estnischen Komponisten Erkki-Sven Tüür ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Seine Klangsprache besteht nicht aus einer fest umrissenen Stilistik, aus definierten Klangvorstellungen, Kompositionstechniken oder einem leicht wiedererkennbaren Personalstil. Sie ist also nicht dodekaphonisch, seriell, mikrotonal oder minimalistisch, und sie ist auch alles andere als neo-romantisch. Erkki-Sven Tüür komponiert in einem weiten Horizont. Dogmen, die sich in der westlichen Kunstmusik im 20. Jahrhundert gebildet haben, sind für ihn nur mehr Quellen, Orientierungen, Materialien und Handwerkszeug.

Dennoch verfolgt er etwas, was nach einer kompositorischen Strategie klingt. Er nennt es das „vektoriale Prinzip“. Im Rahmen eines Symposiums, das der verstorbene Musikkritiker der Frankfurter Rundschau, Hans-Klaus Jungheinrich, 2007 in der Alten Oper ausrichtete, sprach Tüür über seine Emanzipation von einem kompositorischen Eklektizismus, der Ende des 20. Jahrhunderts für ihn naheliegend war: „Ich hatte das Gefühl, ein doch spezifisch eigenes Gesetz zu finden, etwas Verbindliches, Disziplinierendes, aber nicht unbedingt Einengendes. Das vektoriale Prinzip gewährt Verbindlichkeit im Rahmen einer sehr großen Variabilität.“

Das Album:

Erkki-Sven Tüür: Lost Prayers. ECM.

Auf dem Album „Lost Prayers“, das vier kammermusikalische Kompositionen von Tüür enthält, kann man dieses prinzipienlose Prinzip und einige seiner Anwendungsweisen gut verfolgen – beziehungsweise auch wieder nicht. Denn der Musik fehlt jegliche formalistische Strenge; statt dessen ist sie von oft erstaunlicher dramatischer Unmittelbarkeit geprägt. Wenn hier Prinzipien zur Anwendung kommen, dann allenfalls im Sinne eines experimentellen semiologisch und semantisch inspirierten Vorgehens. Tüür selbst spricht auch von einem „Quellcode“ oder „einem Gen, das, während es mutiert und wächst, die Punkte im Gewebe der gesamten Komposition verbindet.“

Über das titelgebende Stück etwa, das jeglichen sakralmusikalischen Anstrich vermeidet, sagt er: „Ich versuchte, mir eine vage Ansammlung von Hilferufen vorzustellen – von Gläubigen, Nicht-Gläubigen, Menschen unterschiedlicher Traditionen, unterschiedlicher Geschichtsepochen. (...) Die Musik beschäftigt sich mit dem energetischen Feld der Ansammlung dieser spontanen Schreie.“

So irritierend diese Kombination einer mathematischen Kategorie („Vektor“) mit einem physikalischen Bild („energetisches Feld“) und einer Klasse emotionaler Äußerungen (Hilfeschreie) erscheint, ist auch die Wirkung der Musik. Sie ist auf kunstreiche Weise radikal, intensiv, dramatisch und klanglich differenziert. Sie liefert sich keinem emotionalen Verlauf aus, sondern besteht auf dem rational formenden Prinzip von Materialsichtung und -gestaltung. So nimmt Tüürs Klangsprache immer neue Gestalt an und bewegt sich wie vor einem Bildhintergrund voran. Das allerdings auf eindringliche Weise.

Seine feingliedrigen Dramaturgien und Klangkonstellationen sind bei den Musikern – im ersten („Fata Morgana“) und vierten Stück („Lichttürme“) handelt es sich um ein Klaviertrio, das zweite Stück („Synergie“) wird von Florian Donderer Violine, und Tanja Tetzlaff, Violoncello, gespielt und „Lost Prayers“ vom Signum Quartett – in kompetenten und Tüür-erfahrenen Händen, wie die präzise Aufmerksamkeit und die dynamische und gestalterische Feinarbeit in ruhigen Passagen, bei Abruptheiten und Plötzlichkeiten, in gedehnten Schwebezuständen zeigt. „Lost Prayers“ ist ein bestechendes Beispiel für zeitgemäße Kammermusik, die keine traditionelle Bindung verleugnen muss und sich dennoch nie nach rückwärts wendet.

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