Element of Crime

Erinnerungen in der Pfeife rauchen

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Element of Crime mit Schafen, Monstern und Mäusen in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Junge wilde Erben von Element of Crime wärmen die Jahrhunderthalle vor: Isolation Berlin. Weniger abgeklärt und ironisch als die mittlerweile schon etwas älteren Herren um Sven Regener singt und spielt das 2012 gegründete Quartett von Serotonin, Abstürzen, Tristesse und der Suche nach dem Kick. Am Merchandising-Stand liegt ein Gedichtband von Sänger Tobi Bamborschke: „Mir platzt der Kotzkragen“.

Auch der Sänger von Element of Crime hat das eine oder andere Buch geschrieben. Vor allem das eine: „Herr Lehmann“, Bestsellerlistenstürmer 2001, Film 2003. Die Band gab es da schon lange, seit 1985, und ihr Name führt mindestens seit dem Umstieg auf deutsche Texte damals hinterm Mond, also 1991, in die Irre. Wer kennt schon den gleichnamigen Lars-von-Trier-Film.

„Schafe, Monster und Mäuse“ heißt das aktuelle Album, ein gutes halbes Jahr ist es alt. In der Jahrhunderthalle gelangt es fast vollständig zur Aufführung. Vom Spaziergang am Kurfürstendamm „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ singt Regener, ist „Allein im Prinzenbad“ und raucht Erinnerungen in der Pfeife „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“; die Band feiert „Party am Schlesischen Tor“: Es berlinert heftig.

Die Band, das sind neben dem gebürtigen Bremer Regener der Gitarrist Jakob Ilja, waschechter Berliner und seit Bandgründung dabei, Drummer Richard Pappik und Bassist David Young sowie Rainer Theobald an Saxophon und Klarinette und Ekki Busch mit dem Akkordeon.

Zweistimmiges Strahlen

Sie spielen ihren ganz eigenen Artfolkpostpunkchansonrockschlager, mit rumbarumpeligen und walzerschwofenden, gelegentlich treibenden, öfter schleppenden Rhythmen. Ilja liefert Soli von Rockabilly über Desert-Rock bis zu minimalistisch fragmentierter Klangkunst. Regeners Trompete und das Saxophon lassen Melodien zweistimmig strahlen. Die Texte schillern von Sprachspiel bis Wortgewalt: Regener streichelt neue Bedeutungen aus alten Redewendungen, bewortbildert verregnete Nachtszenen und jagt Sätze in Zeilensprünge ohne Furcht vor Vers- und Stilbruch. Wenn im Halensee ein Meer wohnt, der Wald vor der Tür nur ein Friedrichshain ist und im Spätkauf Black Friday, dann ist das nur ein einziger Song.

Der Trennungsschmerzklassiker „Weißes Papier“ und das ruppige „Geh doch hin“, die Ballade „Schwere See“ und der Subaru-Werbeblock „Draußen hinterm Fenster“ erinnern an die großen alten Alben aus den Nachwendneunzigern. Aus der Zeit seither sind von fast jeder Platte ein, zwei Lieder vertreten, darunter das Quasi-Heimatlied „Delmenhorst“ und die Titelsongs der Alben „Immer da wo du bist bin ich nie“ und „Lieblingsfarben und Tiere“. Zu „Karin, Karin“ tritt Regeners Tochter Alexandra als Duettpartnerin hinzu. „Robert Zimmermann“ aus dem Soundtrack der Leander-Haußmann-Komödie „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ gipfelt in den großen Zeilen „Doch du weißt, dass man nicht einfach dreist / und ungestraft Robert Zimmermann heißt.“ Dem ist wenig hinzuzufügen.

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