Musik

Erika Stucky: Theater aus dem Geist der Musik

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Die wunderbare Erika Stucky begeistert in Frankfurts Mousonturm.

Was man als Kind musikalisch gegessen hat“, sagt die Stucky, „dünstet man als Erwachsener aus.“ Dieser lapidare Satz ist so etwas wie ihr ästhetisches Manifest. All ihre Musik dockt an in ihre Kindheit an, an Donovan, an Jimi Hendrix, Janis Joplin, Bob Dylan, mit deren Songs sie aufwuchs, als Blumenkind der späten Sechziger in San Francisco. Und an ihre zweite Heimat: Zehn Jahre war die Stucky alt, als sie mit ihren Eltern ins Tal ihrer Vorfahren, genauer: ins Oberwallis, zog und dort den Alpenkitsch lieben lernte, die Gebirgsseen, den Cervelatbraten, die Jodelchöre. Und anstatt diese schizophrene Biographie zu therapieren und in Balance zu bringen, dünstet sie sie einfach aus: als Kunst.

Im Mousonturm singt sie also wieder von früher. Was genau sie singt, ob Hendrix oder diesmal den Blues, ist eigentlich egal. Es geht darum, wie sie das tut. Wie sie diese alten Songs verwandelt, zu etwas Eigenem macht, zu ihrem Material, mit dem sie frei spielt, das sie in die Luft wirft und ins Offene führt, so wie Bob Dylans „Just like a woman“, in dem sich plötzlich ein Abgrund öffnet, weil man es durch Erika Stucky ganz neu hört, viel langsamer, ohne den Trotz der Jugend.

Nostalgie darf man dabei nicht erwarten, höchstens mal einen Anflug von Rührung. Wann immer es zu heimelig wird, zu vertraut, setzt die Stucky einen harten Schnitt. Was sie macht, ist Theater aus dem Geist der Musik. Laut oder leise, langsam oder schnell.

Was kommt als nächstes?

Nie weiß man, was als nächstes kommt. Im letzten Jahr saßen dafür im Mousonturm der Tubaist Jon Sass und der Noise-Architekt FM Einheit neben ihr. In diesem Jahr sind es zwei hochkarätige britische Gitarristen: Paul Cuddeford und Terry Edwards, der manchmal auch Melodika, Flügelhorn oder zwei Saxofone auf einmal spielt. Im Hintergrund zeigen wacklige Handyaufnahmen Alm-Impressionen, während die Drei vorne im grellen Licht Dylans „Maggie’s Farm“ ins Absurde zerlegen und die beiden Kindheitswelten der Stucky ineinanderfließen: das Blumenkind und die Alphörner, der Jodel und die Sehnsucht nach Rausch und Freiheit. In Frankfurt hat sie sich dafür in den letzten Jahren ein treues Publikum erarbeitet. Der Mousonturm ist restlos ausverkauft. Auch im nächsten Jahr wird sie wiederkommen, das Programm steht noch nicht fest, muss es auch nicht, die Stucky hat, sagt sie selbst, eine Art Carte Blanche. Es geht eben nicht um das Was, sondern um das Wie. Und so wie sie macht das niemand sonst.

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