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Eric Clapton am 26. November 1974 in Hamburg.

Musik

Eric Clapton: Die Transzendenz des Blues

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Peter Kempers biografisches Buch über Eric Clapton, der seinen 75. Geburtstag feiert.

Not, Verzweiflung, Einsamkeit und Variationen der Liebe waren die originären Themen in den Erzählungen der alten Blues-Sänger aus dem Mississippi-Delta und Chicago, und eine lässige Aufmüpfigkeit war die Haltung, die sie einnahmen, um die Nase oben zu behalten. Vielleicht kann man daraus Antworten generieren auf die große Frage, warum junge Musiker aus der britischen Mittelschicht in den 60er Jahren in einem Musikstil, der sich sozial randständigen farbigen US-Amerikanern zuordnen ließ, ein ästhetisches Gebilde fanden, mit dem sie sich identifizierten. Die jungen Briten entwickelten daraus eigene populäre Liedformen und Klangstrategien, mit der sie die Popmusik ihrer Zeit prägten. Und diese ihre Zeit ist längst nicht vorbei, wie auch das Beispiel Eric Clapton zeigt, der am heutigen Montag 75 Jahre alt wird.

Peter Kemper, viele Jahre einer der Kuratoren des vom Hessischen Rundfunk veranstalteten Deutschen Jazzfestivals in Frankfurt und in der Szene bekannt als großer Anhänger des Rock und der elektrischen Gitarre, hat eine Biografie zu Eric Clapton vorgelegt, die mit differenzierten Antworten auf die Blues-Frage beginnt und sich im Zuge der fortschreitenden biografischen Erzählung zwei weiteren Schwerpunkt-Fragen zuwendet. Die eine ist die nach dem Teufel, der Clapton geritten hat bei seiner offenkundig rassistischen öffentlichen Tirade in Birmingham am 5. August 1976; die andere ist die nach der erstaunlichen Haltbarkeit des Blues-Idioms im Kontext der zeitgenössischen Pop-Musik.

Clapton war, seit er Musiker war, immer ein Blues-Musiker, und der Gigant am Horizont seiner Musik war Robert Johnson. Insofern war sein vehementer verbaler Rassismus ein erstaunliches Phänomen. Er selbst redete sich mit alkoholbedingter Unzurechnungsfähigkeit heraus („In mir hat schon immer ein Verrückter geschlummert, der nur darauf wartete herauszukommen, und mit dem Trinken gab ich ihm die Erlaubnis“, heißt es in seiner Autobiografie von 2007) und einer letztlich politikfernen Verdrossenheit, die ihren Ursprung in privaten Vorgängen hatte.

Peter Kemper: Eric Clapton. Ein Leben für den Blues. Reclam, Ditzingen 2020. 272 S., 24 Euro.

Andererseits hat er sich nie wirklich von seiner Tirade distanziert; er hat so etwas aber auch immerhin nie wieder getan. So bleibt, nach ausgiebiger Sichtung der Fakten und Äußerungen, nur das Konstatieren eines von Zerrissenheit und Widersprüchen gefurchten Seelenlebens.

Die andere große Frage, die nach der Haltbarkeit des Blues, hat einen leicht religiös oder zumindest spirituell eingefärbten Subtext. Schon früh in Claptons Musiker-Leben war in einem Graffito der später oft zitierte Satz „Clapton is God“ aufgetaucht (dessen Urheber möglicherweise aus Versehen oder Farbmangel nur ein o zu wenig verwendete), der auf eine gefühlte Transzendenz in der Blues-gestützten E-Gitarren-Improvisation verweist. Clapton selbst hat einmal eine Konzertsituation so beschrieben: Es entsteht der Eindruck vollständiger Harmonie, wenn jeder exakt das Gleiche hört. Man kann das ‚Einheit‘ nennen, was für mich ein spiritueller Begriff ist. Dabei bleibt es eine Art selbstaufhebender Effekt: In dem Moment, wenn du es spürst, ist es schon wieder vorbei.“

Vielleicht kann der Blues einfach ein Gefühl absoluter Gegenwärtigkeit erzeugen, nach dem, wer es einmal gespürt hat, sich fortan sehnt.

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