Musik

Entführung in die Parallelgesellschaft

Vom Kopf auf die Füße: Andrea Moses inszeniert in Bremen "Zaide / Adama" von Mozart und Chaya Czernowin.

Von HARTMUT LÜCK

Die Uraufführung von Mozarts Opernfragment "Zaide" mit der Ergänzung "Adama" von Chaya Czernowin erregte bei den Salzburger Festspielen 2006 Aufsehen. Dass diese Kombination auch andere Lesarten nicht nur zulässt, sondern fordert, konnte man nun am Theater am Goetheplatz in Bremen erleben - kurz gesagt: Die Regie von Andrea Moses hat dieses in Salzburg recht abstrakt inszenierte Stück gleichsam vom Kopf auf die Füße und in unsere Gegenwart gestellt.

Mozarts "Zaide" ist der Vorläufer der "Entführung aus dem Serail", doch blieb das Stück unvollendet. Vor allem der Schluss fehlt, man weiß nicht, ob Mozart ein lieto fine vorgesehen hatte oder nicht. Die israelische Komponistin Chaya Czernowin, 1957 in Haifa geboren und zur Zeit Kompositionsprofessorin in Wien, schuf mit "Adama" eine zweite, ebenfalls unglücklich ausgehende Handlung, deren Szenenfolgen sich mit denjenigen Mozarts abwechseln und teilweise überlappen.

Andrea Moses wagte den kühnen Schritt, beide Handlungsstränge in ein heutiges türkisches Restaurant zu verlegen, wo Zaide die Tochter des Restaurantbesitzers Soliman, Gomatz ein Fremder beliebiger Nationalität ist; beide verlieben sich, und der Vater (wie Sultan Soliman bei Mozart) schäumt vor Wut über die verletzte Familienehre.

Ebenso konkret-aktuell die Adama-Geschichte: Es ist hier die Liebe zwischen einer Israelin und einem Palästinenser, die ebenfalls scheitert - pikanterweise an dem religiös-fundamentalistischen israelischen Vater und seinem chauvinistischen Anhang. Dies ist ein Tabubruch nicht nur für das offizielle israelische Selbstverständnis, sondern auch für deutschen Philosemitismus, und man kann Chaya Czernowin und die Regisseurin Andrea Moses nur beglückwünschen zu dieser mutigen Kritik an beiden starrsinnigen Lagern, dem muslimischen und dem jüdischen.

Das türkische Restaurant in der Bühnenausstattung von Monika Gora dient während des ganzen Abends als Szenerie; das Mozart-Orchester, zunehmend inspiriert geleitet durch Daniel Montané, sitzt im Graben, das "Adama"-Ensemble, umsichtig dirigiert von Florian Pestell, im erhöhten Bühnenhintergrund. Die so gegensätzlichen Klangwelten zwischen dem anheimelnden Mozart und der klangverfremdend-avantgardistischen Czernowin stören nicht - in ihrem Materialaspekt sind sie ebenfalls Ausdruck von Parallelgesellschaft -, sondern offenbaren bald verblüffende Entsprechungen und Allusionen.

Dass die Liebenden auch so manche Probleme miteinander haben, nicht nur mit ihren Fundi-Vätern, machten die Protagonisten in einer gleichbleibend spannenden Wiedergabe deutlich: Sara Herszkowitz als zärtliche Zaide, Benjamin Bruns als verzweifelter Gomatz sowie Noa Frenkel und Yaron Windmüller als israelisch-palästinensisches Paar, dem Chaya Czernowin Worte und Silben aus dem Mozart-Libretto in deutscher, arabischer und hebräischer Sprache in die Partitur schrieb. Thomas Scheler und Andreas Fischer als bärbeißige Väter sowie Jouni Kokora als intriganter Osmin und Seth Keeton als den Liebenden selbstlos beispringender Allazim füllten ihre Rollen vorzüglich aus.

Ein Kunstgriff gegenüber der Salzburger Premiere verdient Hervorhebung: der Tausch der letzten beiden Szenen. Nicht Mozarts Quartett, worin Soliman den Tod von Zaide und Gomatz verkündet, steht nun am Schluss, sondern die letzte Adama-Szene "Tränen", ein meditativ sich auflösendes Klangfeld, das den Zuschauer nach den tragischen Geschehnissen in Nachdenklichkeit entlässt.

Durch diese Umstellung hat das Stück enorm an Prägnanz gewonnen, und dies teilte sich auch unmittelbar dem Publikum mit, das lang anhaltenden Beifall spendete.

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