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Die Entertainmentmaschine

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Der Kanadier Chilly Gonzales.
Der Kanadier Chilly Gonzales. © REUTERS

Chilly Gonzales, gut geölt und mit Streichquartett in der Alten Oper Frankfurt. 2000 beseelte Menschen bringt er dabei ohne weiteres zum Schunkeln.

Von Tim Gorbauch

Im Bademantel schlendert er in den ausverkauften Großen Saal der Alten Oper und schon da jubeln ihm alle zu. Für Chilly Gonzales muss das ein Triumph sein. 1998 kam der Kanadier, der eigentlich Jason Beck heißt, nach Berlin und mischte mit seinen Kumpels und Landsleuten Mocky und Peaches die Hauptstadt auf. Er krönte sich zum Präsidenten des Berliner Untergrunds, er ließ sich als The Entertainist und als musical genius feiern, was genauso großmäulig wie richtig war, denn seine von hedonistischer Subversion getriebenen Raps gehörten zum Schönsten, Freiesten, Lustigsten, was man damals finden konnte.

Andere machen es sich da, in der Nische, über Jahre gemütlich, aber Chilly Gonzales wollte weiter. Schließlich ist Wiederholung Stillstand. Und Stillstand der Tod. Seit bald 20 Jahren erfindet er sich neu, schlüpft in immer andere Rollen. Mit Saxofon und kitschigen Synthesizern rehabilitierte er den Soft Pop, setzte sich dann ganz alleine ans Klavier und ließ sich vom süßen Duft des Salons verführen.

Im Tempel der Hochkultur

Er zog nach Paris, produzierte Feist, einen Kinofilm, Apple-Jingles und ein zweites Solo-Piano-Album. Nun sitzt er, das ist sein nächster Coup, am Zwei-Meter-Steinway in einem Tempel der Hochkultur und lässt sich von einem ehrwürdigen Streichquartett, dem Kaiser Quartett, begleiten. Und mehr als 2000 Menschen hören ihm zu.

Man könnte das als einen Marsch durch die Institutionen begreifen, nur passierte das alles nie anbiedernd oder kalkuliert, sondern aus einer geradezu anarchischen Lust an der Verwandlung, der schöpferischen Zerstörung, die, wenn man das Phänomen Gonzales pathetisch betrachten wollte, immer schon der wichtigste Motor der Kunst war. Aber es ging bei Gonzales ohnehin noch nie um die Musik allein, denn egal, wie feinsinnig und gleichzeitg subkutan anarchisch das ist, was er im Studio erfindet – dieser Chilly Gonzales ist vor allem ein Bühnentier. Man muss diesen Quadratschädel sehen, wie es ihn an die Rampe zieht, wie er schwitzen, sich verausgaben, mit jeder Faser seines mächtigen Körpers uns unterhalten will.

Bald gerät er dann auch ins Plaudern, verliert sich in Exkursen, spielt sehr bekannte Dur-Stücke („Chariots of Fire“, „Happy Birthday“) in Moll, referiert über die Bedeutung des Arpeggios bei Daft Punk und Glenn Miller, erfindet uralte Rapsongs auf einem Beat von Pizzicato, Tremolo und Flageolett neu, verbeugt sich ganz nebenbei vor Udo Jürgens und bringt 2000 beseelte Menschen zum Schunkeln.

Das ist großartige Unterhaltung, keine Frage. Wer Gonzales aber schon seit langem begleitet, wundert sich, wie vieles er davon schon vor drei Jahren gehört hat. Ein ganz seltsames Gefühl. Als würde da einer eine gut geölte Entertainmentmaschine anschmeißen und routiniert und zufrieden mit seinen alten Ideen jonglieren. Chilly, what’s up?

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