Interview mit Christian Fausch

Jubiläum des Ensemble Modern: „Die Szene hat sich radikalst verändert“

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Das Ensemble Modern feiert Geburtstag: Geschäftsführer Christian Fausch über Neue Musik in Zeiten ohne Scheuklappen und über die wachsende und putzmuntere Konkurrenz.

Christian Fausch absolvierte in Basel ein Musikstudium mit Hauptfach Violoncello. Anschließend bildete er sich an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien zum Kulturmanager aus. Von 2012 bis 2019 war er Geschäftsführer der Jungen Deutschen Philharmonie, seit 2016 ist er Künstlerischer Manager und Geschäftsführer der Ensemble Modern GbR.

Das Ensemble Modern spielt und fördert seit 1980 zeitgenössische Musik. 2020 wird das 40-jährige Bestehen gefeiert: Unter anderem am Montag Abend im Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt.

Vorab hat FR-Autor Stefan Schickhaus Mitglieder des Solistenensembles um Auskunft zu ihrem musikalischen Leben gebeten. Das Gespräch mit dem Geschäftsführer schließt die Serie ab.

Herr Fausch, welches würden Sie als das bedeutendste Projekt des EM der letzten 40 Jahre benennen?

Projekte, die für die Geschichte des EM, aber auch für die Musikgeschichte wegweisend und zentral waren: Natürlich gehört da das Projekt mit Frank Zappa dazu, wo sich die vermeintlich elitäre Neue Musik mit einem Rockstar verbunden und etwas Einzigartiges hat entstehen lassen. Oder es gehört die Produktion „Schwarz auf Weiß“ von Heiner Goebbels dazu, die das Musiktheater ganz neu und in meinen Augen alterslos definiert hat. Oder „Jagden und Formen“ von Wolfgang Rihm in Zusammenarbeit mit Sasha Waltz. Oder auch Mark Andres „riss“-Zyklus, ein ganz klassisches Konzert und doch ein wegweisendes Erlebnis.

„The Yellow Shark“ mit Frank Zappa: War dieses Projekt aus dem Jahr 1992 dasjenige, das dem Ensemble die meiste Aufmerksamkeit brachte?

Christian Fausch.

Es war mit Sicherheit das Projekt, das für den größten Überraschungseffekt gesorgt hat. Es war eine ungewöhnliche Kombination, die offensichtlich den Zeitgeist getroffen hat. Und, was ich besonders bemerkenswert finde, die das Publikum auch heute noch begeistern kann, auch weil sie Erinnerungen wach werden lässt. Nicht umsonst erlebt dieses Projekt immer wieder ein Revival.

Sie arbeiten ja wenn möglich eng mit den Komponisten zusammen. Gibt es aber auch Komponisten, die besser zu Hause bleiben und die Musiker alleine einstudieren lassen? Also: Nichtkompatible Komponisten?

Es gibt immer einen richtigen Zeitpunkt, eine Komponistin oder einen Komponisten in den Probenprozess mit einzubinden. Das ist sicher nicht automatisch von Anfang an. Der Austausch mit den Urhebern der Werke ist ein ganz wichtiges Element der Zusammenarbeit. Das ist ja das große Privileg der Neuen Musik, dass die Komponistinnen und Komponisten unter uns sind und wir uns mit ihnen austauschen können. Natürlich gibt es Komponisten, mit denen die Zusammenarbeit einfach ist und andere, mit denen sie komplexer und komplizierter ist. Die Persönlichkeit hat das Werk geprägt, und sie prägt dann eben auch die Zusammenarbeit.

Was prognostizieren Sie für die Zukunft der „Neuen Musik“: Wohin geht die Reise? Folgt auf immer größere Komplexität eine „neue Einfachheit“. Kommt die Renaissance der Melodie oder gibt es die schon?

Die große Errungenschaft der Neue-Musik-Szene der vergangenen vielleicht 15 Jahre ist, dass dogmatische Scheuklappen abgebaut und Türen geöffnet wurden. Und dass heute alles möglich ist, weil es den Regelkanon nicht mehr gibt, der nach dem Krieg entwickelt worden war. Ob das die Arbeit der Komponistinnen und Komponisten einfacher macht, ist eine andere Frage – ich bin jedenfalls froh darüber. Und ich hoffe, dass auf diesem Weg die Abkoppelung der Neuen Musik vom Publikum, die sie zum Teil auch selbst herbeigeführt hat, überwindet. Die Neue Musik kann damit wieder mehr an das Hier und Jetzt andocken.

In den letzten zehn, zwanzig Jahren wurde das Ensemble Modern immer als eine der wichtigsten Spezialisten-Formationen neben dem Klangforum Wien und dem Pariser Ensembles InterContemporain bezeichnet. Gilt das unverändert? Oder gibt es mittlerweile neue Player, haben sich Gewichtungen verschoben?

Nach wie vor haben die drei genannten Ensembles eine herausragende Stellung – zu unserem Glück. Nichtsdestotrotz hat sich die Szene radikalst verändert: Es gibt heute eine große Zahl an Ensembles, die sehr gut, die jung, dynamisch und flexibel sind. Und die möglicherweise für einen Veranstalter deutlich günstiger zu haben sind als die großen, renommierten. Da sind wir sogar nicht ganz unschuldig, hat doch die Internationale Ensemble Modern Akademie selbst in ihren 16 Jahren etliche Ensembles mit auf den Markt gespült. Ich glaube, dass das für die Musikwelt ganz wichtig und richtig ist. Gleichzeitig müssen die etablierten Ensembles damit umzugehen wissen. Es zwingt uns als Ensemble Modern beispielsweise, immer wieder zu hinterfragen: Welches sind unsere Kernkompetenzen und unsere Herzensanliegen, die wir ganz gezielt ausleben und prononciert an die Öffentlichkeit bringen wollen.

Der designierte Intendant der Alten Oper Markus Fein hat sich ja sogleich dezidiert zum EM bekannt und eine Vergrößerung der Zahl der Auftritte angekündigt. Sehen Sie also rosigen Zeiten entgegen?

Wir haben uns natürlich sehr gefreut über sein Bekenntnis zum EM und haben das genau zur Kenntnis genommen. Wir freuen uns, mit ihm und seinem Team die Jahrzehnte lange Historie von Ensemble Modern und Alter Oper fortzuschreiben. Und auf die neuen Impulse, die er mit seinem Background hier einbringt.

Interview: Stefan Schickhaus

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