Ensemble Modern

Ensemble Modern: Gekonntes Nichtwollen

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Happy New Ears: Ein Porträtkonzert über und mit Mathias Spahlinger.

Ein Frankfurter Bub bei Happy New Ears – das könnte eine Premiere gewesen sein am letzten Abend der Frankfurter Oper vor ihrer viral bedingten Schließung bis zum vorerst 10. April. Im Holzfoyer hatte sich die Gemeinde der Werkstattkonzert-Reihe des Ensemble Modern versammelt und nahm bei dem mittlerweile 76-jährigen Komponisten Mathias Spahlinger, der lange Dozent in Karlsruhe und Freiburg war und heute in Potsdam lebt, den ganz ungebrochenen Tonfall des Hiesigen wahr.

Hölzchen und Stöckchen

Als Zwölfjähriger hatte der Junge unter Georg Solti im Chor der Kinder in „Carmen“ gesungen. Jetzt stellte sich der mit Helmut Lachenmann zu den ausdrücklich ihre Kunst als Kritik der Musik selber verstehende Musiker den Fragen Enno Poppes, der das Ensemble Modern bei „Furioso“ von 1991/92 leitete, überlegen und pointiert wie man ihn kennt. Ein nicht leichter Part für den sehr artikulierten und klugen Dirigenten, der selber Komponist ist. Hat Mathias Spahlinger doch die Neigung, sich bei philosophischen Themen aufzuhalten, wo er sich seine Konzeptualisierungen für das klingende Werk borgt. Und wo man im Gespräch schnell vom Stöckchen aufs Hölzchen kommen kann.

Die Werttheorie von Karl Marx geisterte längere Zeit um die Ohren der Zuhörer. Ebenso gab es Ausflüge in die Hegelsche Dialektik, ihre Bewegungsweise der Negation im Allgemeinen, ihrer Kritik an der französischen Revolution als positiver Setzung im Besonderen und der irgendwie statthabenden Synthese im Speziellen des klingenden Kunstwerks. Sentenzen wie etwa „unbiegsame, kalte Allgemeinheit“ aus Hegels „Phänomenologie des Geistes“ aufs Tapet.

Musik in Gedanken gefasst ist schon ein weites Feld; derweil Gedanken in Musik gefasst ein uferloses Gewässer sind, wo Spekulation, Projektion und Fiktion treiben können. Verließ man sich auf seine Wahrnehmung, dann war „Furioso“ in seiner punktualistischen, spröden und harten Diktion wie ein Exerzitium, wie ein Kampf von Klang gegen Klang, der dann ein Block starrer und schriller Dichte wurde.

Unbeugsamkeit – das traf recht gut die Physiognomie von Mathias Spahlinger als Redner wie auch als Künstler. Der gegen die „medikamentöse Funktion“ der Musik, gegen ihren „Gebrauch“ und ihre Funktion als Legitimations- und Anbetungselement vorgehen will. Ein Kämpfer, dem es um die stillschweigenden Unterstellungen des Klingenden geht; ein Pädagoge, der als kritischer Geist seine Lernmittel selber produziert – und damit eingreifen will.

Ausnahmslos Ausnahmen

Schön kam das in „ausnahmslos ausnahmen“ für Drumset von 2013 zum Ausdruck. 25 Minuten für einen Schlagzeuger, der eine Partitur allein aus Partikeln reiner Schematismen aus der Übe-Literatur für am Drumset in Einzelhaft sitzenden Schlagzeugern zu bewältigen hat. An jenem „erfolgreichsten Instrument der Welt“ wie Spahlinger sagte, das tatsächlich bis hinab in die weltweite Folklore stil- und klangbildprägend geworden ist.

Ein Werk im Nachgang zu Neo-Dadaismus und Fluxus, das mit seinem Floskelgestückel dem Ensemble-Schlagzeuger David Haller eine grandios genutzte Gelegenheit bot, zu zeigen, dass Virtuosität aus gewolltem Nichtkönnen ineins mit gekonntem Nichtwollen entstehen kann.

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