Ensemble Modern

Ensemble Modern: Die einzelnen Passanten und der klingende Gesamtverkehr

  • vonBernhard Uske
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Beim Auftaktkonzert zum Geburtstagsjahr des Ensemble Modern in der Alten Oper Frankfurt.

Erstes Konzert im neuen Jahr und Auftakt zu den Geburtstagsfeierlichkeiten zugleich war der Auftritt des Ensemble Modern im Mozart-Saal der Alten Oper Frankfurt: Zum 40. Mal jährt sich die Gründung des Klangkörpers, der sich ausschließlich Neuer Musik widmen sollte. In einem Format und in einer Instrumentalbesetzung, die all jener Neuen Musik, die nicht mehr den Rahmenbedingungen des Sinfonieorchesters entsprechen wollte, einen anderen Klangraum bot.

Dieser zeigte sich ab 1980 in einer drastischen Verschiebung der Klangproportionen, die vor allem den Streicher-Anteil reduzierte und den des Schlagzeugs erhöhte. Im Vergleich zu der Klangfolie des tradierten Orchesters kam ein härteres, kälteres, schärfer profiliertes und auch schneller sich entwickelndes Klangbild zustande – mit der Zeit entfaltete dies Reduktionen und Schematik genauso, wie das beim Sinfonieorchester der Fall war. Ein typischer Neue-Musik-Klang bildete sich heraus, neben dem dann, nach seiner umfassenden Durchsetzung, der Klang des großen Orchesters für Neue Musik wieder attraktiv wurde.

So stehen heute in Sachen Neuer Musik zwei unterschiedliche Klangräume in den Konfektionsgrößen M und L zur Verfügung. S für Kammermusik war von der Gründungswelle der Neue-Musik-Ensembles der damaligen Zeit nicht betroffen.

Neben der klanglichen und der Größen-Differenz ist es vor allem das Verhältnis von Solo und Tutti, das verschieden ist. Und so stand das Werkspektrum in der Alten Oper unter dem etwas holprigen Motto „Eins plus Alle – Ein Ensemble aus Solist*innen“. Die sechs Werke hatten das Verhältnis solistischer Besonderheit und tutti-hafter Verallgemeinerung zum Thema, was in Anthony Cheungs Klavierkonzert „A Line Can Go Anywhere“ (2019) und Hans Zenders „Issei no kyo“ (2009) am entschiedensten zum Ausdruck kam. Markanter Individualklang, der sich unter den Händen des famosen Ueli Wiget in herausfahrender Interjektion ebenso wie in sachten Tastenbewegungen zeigte. Oder der sich in dem Sopran-Charisma Juliet Frasers darstellte, die sich auf den brodelnden und eruptiven Aggregaten des Zender-Klangs bewegte. Im Verein mit den feinen Flötenstrichen Dietmar Wiesners.

Enno Poppes „Holz“ (2000), eine Art Klarinettenkonzert, gab dem Solisten Jaan Bossier Gelegenheit, seine bläserische Standfestigkeit unter Beweis zu stellen. Elena Mendozas szenisches Konzept, den Instrumentalisten die Beziehung zu seinem Instrument und zu seiner Gruppe thematisieren zu lassen, wäre ohne eine vorherige Erklärung unverständlich geblieben – der Wahrnehmung der klanglichen Reize der Intonationen von Megumi Kasakawa (Viola) in „Zwei Szenen“ (2019) wäre das jedoch nicht abträglich gewesen.

In Blai Solers „Off the String“ (2019) kam das Harte und Rohe, das der Geigenstimme eigen sein kann, bestens zur Geltung, im Verein mit den konzertanten Interaktionen Jagdish Mistrys (Violine). Derweil konnten in Vito Žurajs „Runaround“ (2014) gleich ein ganzes Blechbläserquartett (Berger-Stoianov-Forman-Menotti) samt Kollegenschaft den improvisatorischen Anteil solistischer Könnerschaft entfalten. Die Führung der einzelnen Passanten und des klingenden Gesamtverkehrs lag sicher in den ruhigen Händen Frank Ollus.

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