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Klarinettist Jaan Bossier hat den Anfang gemacht. 

Frankfurt

Ensemble Modern: „On Air“ – Allein unterm Dach

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Das Ensemble Modern mit überzeugendem Live-Stream-Programm.

Das gegenwärtige Zeitalter der Infektion: „the Age of Streaming“. Ein Strömen von Bildern, Tönen und Worten auf Wegen, die ohne virale Berührungsgefahr betreten werden können. Zumal der Glaube eines Walter Benjamin, das Kunstwerk verliere im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit seine Aura, sich verflüchtigt hat. Und das nicht nur bei Medienkünstlern, sondern angesichts der perfekten und in Bereichen der Stimmung, des Charakters und der Suggestivkraft sich enorm gesteigert habenden Ton- und Bildübertragungs-Ästhetik im gesamten Bereich medialer Kunstvermittlung.

Der „profane Schönheitsdienst“ (Benjamin) ist hier ausgewandert aus grauer Musentempel Mauern mit ihren oft nur weit entfernt wahrnehmbaren, schlecht perspektivierten Leistungen. In den eigenen vier Wänden zeigt sich manches Klang-Geschehen in ungeahnter ästhetischer und aufmerksamkeitskonzentrierender Qualität. Oft gilt der Song-Titel der Buggles, „Video Killed The Radio Star“, mit dem einst das MTV-Video-Zeitalter eingeläutet wurde, für die klanglichen und szenischen Bemühungen aus Oper & Konzert erst recht. Die Speerspitzen musischer Aktivität und Kompetenz haben das längst erkannt: nicht nur die New Yorker MET mit ihren Kino-Premieren, sondern auch die Berliner Philharmoniker mit ihren Konzerten im Live-Stream-Abonnement („Digital Concerthall“) für PC und heimisches Beamer-Kino.

Freier Blick, guter Klang

Die Krise macht’s möglich: auch das Ensemble Modern in Frankfurt hat jetzt sein eigenes Strömungsformat gefunden, das sich aus infektologischen Gründen allerdings nur auf ein bis zwei Musiker beziehen darf. Die Aufführungen werden aus dem Ensemble-Modern-Domizil am Osthafen gesendet, wo in der Deutschen Ensemble Akademie auch die Internationale Ensemble Modern Akademie (IEMA) sowie die Junge Deutsche Philharmonie beheimatet sind. Der Dachgeschoss-Saal des großen alten Kontorgebäudes an der Schwedlerstraße ist einer der reizvollsten Aufführungsorte der Stadt: über den Dächern mit freiem Blick und einer gut klingenden, intimen Atmosphäre. Man hat sich für die jeweils montags und donnerstags stattfindenden Aufführungen für eine ruhige Topografie entschieden.

In ihr werden die Solisten mittels statischer Bildeinstellungen, die sich auf Gesichts-Close-Ups, Halbtotalen des spielenden Körpers und Totale mit den auf Stativen postierten Kameras beschränken, plastisch sichtbar. Eine der Konzentration förderliche Perspektivität ohne visuellen Selbstverwirklichungsdrang herumfuchtelnder Bild-Regie: Dichte, die das audio-visuelle Medium erzielen kann.

Die unbestechliche Fokussierung galt beim ersten Auftritt des etwas verschleiernd „On Air“ genannten „On Line“-Formats (das in der Mediathek in Off-line-Form präsent bleibt) dem Solo-Klarinettisten Jaan Bossier, der, nach einleitenden Bemerkungen zu den Werken, das gut vierzig-minütige Programm absolvierte. Eines der symbolträchtigen Werke Olivier Messiaens („L’Abime des Oiseaux“) einer religiös verstandenen Spannung aus starrer Tiefe und ornithologischem Schöpfungslob. Danach eine der mikrologischen Luftsäulen-Exerzitien einer pfingstlichen Pneumatologie, der sich Marc Andre seit Längerem widmet („Atemwind“) und zuletzt ein nur halb-unbestimmtes Frühwerk John Cages („Sonata for Solo-Clarinet“). Bossier fesselte mit einem ebenso volumenreichen wie sublimen Ton und einer physiognomischen Gefasstheit, die programmatisch treffend war.

Ensemble Modern:nächster Live-Stream am heutigen Donnerstag, 20.30 Uhr, mit dem Schlagzeuger Rainer Römer. www.ensemble-modern.com

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