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Man möchte ja nicht wissen, was da ins Pastetchen kommt ... 

English Theatre

English Theatre: Das Rasiermesser schärfen

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Das Grusel-Musical „Sweeney Todd“, im English Theatre Frankfurt auf hohem sängerischen Niveau.

Im deutschsprachigen Raum wird Stephen Sondheims vor vierzig Jahren uraufgeführter und später von Tim Burton mit Johnny Depp in der Titelrolle verfilmter Broadway-Erfolg „Sweeney Todd. The Demon Barber of Fleet Street“ meist an Opernhäusern gespielt, zuletzt mit dem walisischen Bariton Bryn Terfel unter der Regie von Andreas Homoki in Zürich. Tatsächlich bewegt sich dieses weitreichend durchkomponierte Musical nach dem Libretto von Hugh Wheeler in einer Nähe zur großen Oper und gehört fraglos zu den großartigsten Stücken des Genres. Die Sänger der famosen Aufführung, die nach einer gescheiterten, eines Stimmversagens der weiblichen Hauptfigur wegen nach der Pause abgesagten Premiere nun am Frankfurter English Theatre zu sehen ist, singen in lyrischen Passagen anrührend schön. Aber eben nicht zu makellos, wie es die Gefahr bei sich an Musicals versuchenden Opernsängern leicht sein kann.

Gespielt wird eine brillant wirkungsvolle Fassung für zwei Klaviere und zwei Schlagwerker unter der Leitung des Pianisten Mal Hall, die derart raffiniert ist, dass sie einen ein Orchester nicht missen lässt. Die auf einen Gruselroman des viktorianischen Zeitalters zurückgehende Geschichte handelt vom Londoner Barbier Benjamin Barker, der von dem schurkischen Richter Turpin in die Verbannung nach Australien geschickt worden ist, welcher sich an Barkers Frau verging und sie in den Suizid trieb.

Nachdem der Unhold im Richteramt nun obendrein noch Barkers Tochter heiraten will, beschließt dieser, nach fünfzehn Jahren zurückgekehrt, unter dem Decknamen Sweeney Todd sein Gewerbe wiederaufzunehmen – und sein Rasiermesser zu nutzen, um die verkommene Londoner Gesellschaft zu meucheln, in munterer Tatgemeinschaft mit einer Pastetenbäckerin, die mit dem wohlschmeckenden Menschenfleisch ihr Geschäft in Schwung bringt.

Links auf der zweistöckigen Schmuddelkaschemmenbühne von Rachel Stone sind irritierenderweise ein paar mit Friseurcapes ausgerüstete Zuschauer untergebracht, die hier und da ein wenig Mehlstaub oder Rasierschaum abbekommen. Ernstlich inszenatorisch werden sie allerdings nicht einbezogen. Umhänge gibt es kokettierenderweise auch im vorderen rechten Flügel des Zuschauerraums. Blut spritzt hübsch possierlich aus den Kehlen, zumal nach der Pause, als Sweeney Todd sein Tötungswerk mittels eines Frisierstuhls mit Hebelmechanik fließbandmäßig rationalisiert hat.

Das sängerische wie darstellerische Niveau in der ungetrübt naturalistischen Inszenierung von Derek Anderson ist großartig. Vornan die grandiose Sarah Ingram als handfest couragierte Pastetenbäckerin Mrs. Lovett, mit einer wunderbar launigen Körpersprache, sowie Stephen John Davis, der in leiser Intimität die seelische Pein, die Tragödie des Barbiers spüren lässt. Bestechend besonders auch die schroff-turbulenten musikalischen Ensembleszenen.

Musical nicht als chromblitzende Spektakelmaschine, sondern als prägnant erzähltes, über eine Spieldauer von dreieinhalb Stunden hinweg anregendes Unterhaltungstheater. Ein Glanzstück.

English Theatre Frankfurt:bis 9. Februar. www.english-theatre.de

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