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Matthew Herbert, musikalischer Anti-Brexiteer.

Musikalben

Englands Klänge sind nicht allein

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Neue Alben von Maps, Matthew Herbert mit der Brexit Big Band und von Bear’s Den.

Maps heißt eigentlich James Chapman (wie kann man sich einen Künstlernamen zulegen, bei dem sich die Interessierte im Internet durch hunderttausend Kartenangebote klicken muss?), war Remixer unter anderem von Depeche Mode, hat nun wohl an Freundschaftsstrippen gezogen für das Album „Colours. Reflect. Time. Loss.“. Das ist recht üppig – zum Beispiel wirkt das klassische, aber für Grenzüberschreitungen bekannte Echo Collective mit – und würde als Begleitung gut zu einem stillen Filmdrama passen. Oder, weil es wärmt und schmeichelt wie ein hochfloriger Teppich, zu einem Winterabend, an dem einem ein wenig melancholisch zumute sein darf. Die Musik plinkert und schwillt, wogt und schwebt, der Gesang ist sanft, ein bisschen nuschelig. Leicht altmodisch klingt das Ganze, zart pathetisch, trotz einer Menge Elektronik irgendwie nach Kerzenlicht. Der Northamptoner Maps wird damit keinen Preis für Innovation gewinnen, das ist ihm aber vermutlich herzlich egal. „Colours. Reflect. Time. Loss.“ hört sich zuletzt weg, doch es hört sich durchaus angenehm weg.

Maps: Colours. Reflect. Time. Loss. Mute/Pias.

Widerspenstig

Ein etwas kurioses, auch rührend appellartiges und mitreißendes britisches Projekt ist Matthew Herbert’s Brexit Big Band mit dem fast zweistündigen Album „The State Between Us“ – das zum ursprünglichen Austrittsdatum 29. März erschien. Es wirken dabei noch viel mehr Menschen mit als bei Maps (mehr als 1000 angeblich), außerdem Vögel, Bäume, ein Ford Fiesta (der zerlegt wird), ein Hafen, mehr oder weniger aufgegeben, eine Schwimmerin (leise plätschernd zu hören in „Reisezehrung“?). Es gibt Worte von der Dramatikerin Caryl Churchill, dem Dichter John Donne bis zu Beschimpfungen von „abusive members of the public“, ausfälligen Zwischenrufern. Oft, Achtung, wispert und knispelt es lange, ehe es richtig losgeht. Ungnädige Herbheit steckt in dieser Musik, jazzige Verve, mitreißender Wohlklang, politische Botschaft. „You’re Welcome Here“ heißt ein Titel mit innigem Gesang von Rahel Debebe-Dessalegne, dessen Text Migranten anspricht. „The Tower“ jazzt nervös. Für „An A To Z Of Endangered Animals“ legt der Soundtüftler Herbert herzzerreißend die Laute aussterbender Tiere übereinander – zu vielstimmigem Klagen. „Fish and Chips“ beginnt mit Möwenschreien, Motorengeräusche werden zum Rhythmus, das Stück swingt los. „Backstop (Newbury To Strabane)“ klingt hektisch, Schafe blöken, dann Trompeten. Und schließlich die furiosen Chöre von „Women of England“. Definitiv nichts zum Schnell-mal-Weghören.

Matthew Herbert’s Brexit Big Band: The State Between Us. Caroline Int.

Eingängig

Zurück zu entspannenden Nettigkeiten aus einer britischen Bärenhöhle: „Bear’s Den“ nennen sich die Engländer Andrew Davie und Kevin Jones, obwohl es in den Wäldern der Insel gar keine Bären gibt. Die zwei, Leadsänger Davie, Multiinstrumentalist Jones, taten sich 2012 in London zusammen (Mitgründer Joey Haynes verließ die Band Anfang 2016) und sie mögen es folk-rockig, tourten schon mit Mumford & Sons. „So That You Might Hear Me“ ist das dritte Album. Die Melodien sind eingängig – okay, manchmal zu eingängig, wie in „Fuel On the Fire“ -, die Songs weiten sich immer wieder zum Breitwandformat, die Refrains wurmen sich gehörig ins Ohr, bisweilen zucken die Beine – freilich nicht zu hektisch. Feierabendtauglich ist diese Musik, dornenfrei, wenn man für Stacheliges keinen rechten Nerv mehr hat. Davies Stimme ist nicht außergewöhnlich, aber sympathisch und expressiv genug. 41 Minuten lang wird, wenn überhaupt ein Auto im Spiel ist, ein Ford Fiesta auf sanften Glanz poliert.

Bear’s Den: So That You Might Hear Me. Communion/Caroline International.

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