1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Enders Room: Brodelnder Drive im Freiraum

Erstellt:

Von: Stefan Michalzik

Kommentare

Enders von Enders Room. Foto: Thomas Radlwimmer
Enders von Enders Room. Foto: Thomas Radlwimmer © Thomas Radlwimmer

Die Band Enders Room eröffnet mit Schwung das Jazzfestival der Frankfurter Fabrik.

Manifest ist bei der Band Enders Room um den Saxofonisten Johannes Enders schon seit dem Debüt mit dem Album „Monolith“ (2002) ein Primat des Akustischen im Verhältnis zur Elektronik gewesen. Im personell wie musikalisch verflochtenen Kosmos des oberbayerischen Städtchens Weilheim, diesem lokal verorteten Laboratorium einer zeitgenössischen musikalischen Ästhetik zwischen avancierter Popmusik und Jazz, markiert Enders Room sozusagen den Jazz-Gegenpol zu The Notwist.

Parallel betreibt Johannes Enders das akustische Quartett Endorphin – während sich nun, zur Eröffnung des sechsten Jazzfestivals der Frankfurter Fabrik, auch Enders Room als weitreichend akustisches Ensemble präsentiert hat. Die Fabrik ist im Übrigen eines Umbaus wegen derzeit im Exil in der ehemaligen Seilerei Reutlinger am Rande des Stadtteils Sachsenhausen.

Enders Room, das ist vor allem ein musikalischer Freiraum um das Kellerlabor in Enders’ Haus, zwischen Post-Jazz, Ambient, Electronica und Dub, im Grunde ein Studioprojekt, die Musiker haben über die Jahre hinweg immer wieder gewechselt. Derzeit handelt es sich um eine Sextettbesetzung, mit Enders am Tenorsaxofon, dem Trompeter Bastian Stein, Karl Ivar Refseth am Vibraphon, dem zwischen akustischem und elektrifiziertem Bass wechselnden Wolfgang Zwiauer und Gregor Hilbe am Schlagzeug.

Die minimalistische Repetition ist seit jeher ein wichtiges Stilmittel bei Enders Room, in der derzeitigen Variante verbunden mit einem mitreißenden Groove. Es geht nicht um expressive Werte. Der elektronische Aspekt spielt live nur noch eine marginale Rolle. Von irgendwoher – elektronisches Gerät ist nicht auf der Bühne zu sehen – kommt hier und da mal eine elektroperkussive Beimischung oder ein Synthieloop. Ein Gutteil des Repertoires entstammte dem vor zwei Jahren erschienenen Doppelalbum „Dear World“/,,Hikkimori“, dessen einer Teil elektronisch und der andere akustisch ist, teils sind die gleichen Nummern in zwei Fassungen vertreten.

Eine wichtige Referenzquelle ist Gil Evans, und zum anderen die Postrockszene um Tortoise im Chicago der neunziger Jahre. Virtuosität ist kein Thema, sondern einfach Gegebenheit. Staunenswert gleichwohl, welchen ungemeinen Reichtum an Klängen Karl Ivar Refseth dem Vibraphon entlockt, unter Ausreizung mannigfaltiger Techniken mit Klöppeln und Violinbögen sowie Reibklängen.

Das ausführliche Solo ist mitnichten verpönt bei Enders Room, wobei sich niemand selbstvergessen darin verliert. Der Gruppenklang ist bestimmt von einem brodelnden Drive. So wie einstmals vor zwanzig Jahren Johannes Enders und andere wie der norwegische Trompeter Nils-Petter Molvaer eine Erneuerung aus der Verbindung mit dem Elektronischen geschöpft haben, so scheint bei Enders Room heute eine neue Frische aus einer Besinnung auf den Bandcharakter zu resultieren, ohne dass das mit einer „musikantischen“ Rückwärtsorientierung verbunden wäre.

www.die-fabrik-frankfurt.de

Auch interessant

Kommentare