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Elisabeth Furtwängler: „Die stärksten Barrieren für Frauen gibt es in der Produktion“

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Von: Bascha Mika

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„Das ist eine so extreme Schieflage“, sagt Elisabeth Furtwängler. Foto: Laura Kaczmarek
„Das ist eine so extreme Schieflage“, sagt Elisabeth Furtwängler. Foto: Laura Kaczmarek © Laura Kaczmarek

Die Musikerin Elisabeth Furtwängler zu Chancengleichheit in der Musikbranche und den Ergebnissen einer Untersuchung ihrer MaLisa-Stiftung.

Frau Furtwängler, wann ist Ihnen zum ersten Mal aufgegangen, dass Sie als Frau im Musikgeschäft schlechte Karten haben?

Es gab diesen Moment, als das Video von Rihanna zu „Bitch better have my money“ rausgekommen ist. Darin entführt Rihanna eine Frau, zieht sie nackt aus, lässt sie gefesselt von der Decke baumeln – alles hochgradig sexualisiert. Dass eine Frau einer anderen Frau Gewalt antut, indem sie sich einer typisch männlichen Art von Machtgehabe bedient, fand ich krass und schockierend. Früher habe ich Rihanna bewundert, doch dann dachte ich: Halt mal, hier stimmt was nicht.

Rihanna hat männliche Machtstereotype als Erfolgsrezept eingesetzt?

Ja, warum sonst hat sie diese Pornoästhetik benutzt? Ich mag das Lied sehr, es hat Kraft und es hat Wut. Aber das Video geht in die völlig falsche Richtung. Trotzdem wurde es wahnsinnig gefeiert, hatte unendlich viele Views und Rihannas Verhalten wurde als Popstar wie als Frau hier nicht infrage gestellt.

Vielleicht weil Männer auch in der Musikkritik das Sagen haben?

In einer der ersten Studien der MaLisa Stiftung ging es um Musikvideos. Darin werden Frauen meist jung und hübsch gezeigt, Männer als reich mit Status. Rihanna ist reich, hat Status und übt Gewalt aus, um so machtvoll rüberzukommen wie ein Mann. Doch das ist eben keine weibliche Fantasie. Rihanna wählt das männliche Vorbild, statt zu definieren, was Macht für sie als Frau bedeutet.

Was haben Sie bei Ihrem Einstieg als Musikerin in die Branche als größte Hürde empfunden?

Generell gilt: Die stärksten Barrieren gibt es in der Produktion. Frauen als Sängerinnen – alles schön und gut, das ist akzeptiert und gewollt. Aber die technische Seite, die Produktion etwa am Computer, der Aufbau eines Songs, die Manipulation von Klängen und Arrangements, das reklamieren Männer für sich. Ich habe mit Produzenten in Deutschland und Amerika gearbeitet, die mir ganz klar zu verstehen gegeben haben: Du schreibst schöne Texte und singst ...

... aber halte dich aus der Produktion raus...

Genau. Dabei habe ich als Produzentin den Blick für das ganze Paket – also nicht nur für das, was drin ist, sondern auch für das Geschenkpapier drumherum. Doch darin wurde ich nie bestärkt oder ermutigt. Inzwischen brauche ich niemanden mehr und kann alles selbst machen. Damit habe ich auch mehr Kontrolle über das Endprodukt.

Single-Charts, Gema-Anmeldungen, Präsenz auf Festivalbühnen – überall liegt der Frauenanteil unter einem Fünftel. So die Ergebnisse einer Untersuchung der MaLisa Stiftung, die in Kooperation mit der Gema und dem Netzwerk Music S Women* entstanden ist. Sind wir als Publikum auf männliche Musikstars fixiert?

Ich glaube schon, dass wir so konditioniert sind. Früher ist mir das gar nicht aufgefallen, auch meine größten Stars waren alles Männer. Aber wenn man einmal die männlich eingefärbte Brille abnimmt und das Ungleichgewicht wahrnimmt, verändert sich auch der Blick. Ich halte jetzt viel mehr Ausschau nach Künstlerinnen.

Vielleicht sind Frauen in der Musik auch weniger kreativ als Männer?

Uuuh, da muss ich ganz extrem widersprechen. Ich war kürzlich in einer Donatello-Ausstellung und es ist unendlich schön, welche Weichheit und Zartheit er dem Marmor verleihen konnte. Aber wie hätte wohl eine Donatella damals gearbeitet? Wie viele tolle Bildhauerinnen, Schriftstellerinnen, Komponistinnen haben wir über die Jahrhunderte verloren, haben sie nie gesehen, weil sie nicht kreativ sein durften? Dieses Erbe tragen wir bis heute mit uns.

Keine Frau in der westlichen Welt wird doch heute noch daran gehindert, einen tollen Song zu schreiben oder ein Instrument zu lernen.

Klar, wir können auch jedes Lied produzieren und uns alle Programme beibringen. Das Wissen ist überall erhältlich und prompt sehen wir die große Kreativität von Frauen oder gemischten Teams. Ich sehne mich nach Liedern, die durch und durch aus weiblicher Kreativität entstanden sind. Kreativität hat nichts mit Geschlecht zu tun und ich bin sehr gespannt, was wir in den nächsten Jahren noch zu hören bekommen.

Aber warum leben Frauen ihre Kreativität dann so viel weniger aus?

Zur Person

Elisabeth Furtwängler, Jahrgang 1992, hat Kunstgeschichte in Cambridge und Musik in Los Angeles studiert. Unter dem Namen Kerfor arbeitet sie als Rapperin, Sängerin und Produzentin.

Die MaLisa Stiftung hat sie zusammen mit ihrer Mutter Maria 2016 gegründet und ist heute dort Vorstandsmitglied. Die Stiftung setzt sich in Deutschland für gesellschaftliche Vielfalt und die Überwindung einschränkender Rollenbilder ein – vor allem in den audiovisuellen Medien und in der Musikbranche.

Es gibt eine große Bedrohung für Frauen, wenn sie sich aus angestammten Positionen herauswagen. Wenn du weiblich bist, bekommst du auf Social Media mehr Hass ab, wenn du dich zeigst, eine Meinung hast oder dich als Musikerin positionierst. Alle, die performen, sind Kritik und Häme ausgesetzt, doch bei Frauen ist es häufig noch ausgeprägter und geht unter die Gürtellinie. Gewalt gegen Frauen hat viele Formen. Gerade deshalb sollten wir uns als Frauen zusammenschließen und uns davon nicht kleinkriegen lassen.

Wie sehr empören Sie denn dann die Ergebnisse Ihrer Studie?

Ich finde es schon sehr krass. Wir sind 51 Prozent der Gesellschaft, doch 2019 waren nur sechs Prozent aller Urheber:innen in den Charts weiblich. Das ist eine so extreme Schieflage. Und sie zeigt sich sowohl in den Charts, bei Werkbeteiligungen gemeldeter Songs und auf Festivalbühnen.

Die Recherche zeigt ja auch, dass sich die Strukturen seit über einem Jahrzehnt kaum verändert haben. Wie kann das sein in einer Gesellschaft, die seit mehr als einem Jahrhundert über Gleichstellung streitet?

Das ist doch überall so, schauen Sie sich nur die Politik oder andere gesellschaftliche Bereiche an. Wenn man nicht mit Quoten als einem Teil der Lösung arbeitet, dann ändert sich auch nichts. Es würde sich so viel bewegen, wenn es für die Playlists der Sender eine 50:50-Quote gäbe. Außerdem brauchen wir weibliche Vorbilder und mehr Frauen in Machtpositionen. Die Strukturen machen die Sache wirklich schwer. Aber es liegt auch an uns Künstlerinnen, etwas zu tun.

Wie könnte das aussehen?

Wenn ich nach einer Band suche, die mich begleitet, dann schaue ich explizit nach einer weiblichen Band, auch wenn es viel schwerer ist, die zu finden. Wir müssen bereit sein, etwas auszuprobieren. Männer machen das besser. Sie arbeiten häufig mit neun, zehn Produzenten zusammen, bilden immer wieder dieselben Teams. Solche Buddy-Systeme brauchen wir Frauen auch. Wir können uns mit Kolleginnen zusammentun und so auch Vorbilder füreinander sein. Wir sind nicht so abhängig vom männlichen System, wie wir manchmal denken.

Brauchen Musikerinnen auch einfach mehr Mut?

Glaube ich schon, ja. Oder auch: Fake it until you make it. Also sich etwas zutrauen, selbst wenn man sich seiner Sache noch nicht sicher ist. Das ist zwar nicht meine Art, aber ein bisschen was davon täte uns Frauen gut.

Nichtbinäre Menschen sind bei Ihren Untersuchungen der Branche praktisch nicht auffindbar. Woran liegt das?

Nichtbinäre Menschen sind überall, auch in der Musikbranche. Vielleicht outen sie sich nicht, weil sie Sorge haben, auf großes Unverständnis zu stoßen. Aber ich bin sicher – oder hoffe zumindest – dass sich das in den nächsten Jahren verändern wird. Da sind wir noch ganz am Anfang.

Welche Rolle spielen Streaming-Dienste bei der männlichen Übermacht im Musikgeschäft?

Eine große. Das sind ja meistens internationale Konzerne. Spotify zum Beispiel ist als schwedisches Unternehmen bei Diversity-Kriterien viel weiter als wir. Da wird auch schon viel getan, wenn auch immer noch nicht genug. Es ist mit entscheidend, ob Streaming-Dienste Künstlerinnen fördern, wen sie bewerben und wer auf die Playlists kommt. Aber da bin ich ganz hoffnungsvoll.

Und was können wir alle tun, um zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche beizutragen?

Uns der Ungleichheit bewusstwerden. Zum Beispiel, wenn Sie das nächste Mal Radio hören, darauf achten, ob gerade hintereinander nur Songs von Männern gespielt wurden. Und dann lieber einen anderen Sender hören, der mehr Frauen spielt. Schon die Wahrnehmung macht einen Unterschied und kann die Nachfrage verändern. Und auch die Neugier verstärken, wie Frauen klingen und was sie für Sachen machen

Interview: Bascha Mika

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