+
Die vier von Kraftwerk hinter ihren elektronischen Altären.

Kraftwerk

Elektroklänge überall, Dezibel im Überschall

  • schließen

Achtung Kunst! Eine famose Multimedia-Werkschau der Band Kraftwerk, mit Stücken von "Autobahn" bis "Tour De France".

Über die vielen praktischen Musikerkennungsprogramme ist es heutzutage ein Leichtes, eine Band oder einen Musiker zu ermitteln, selbst wenn man nur einen Song kennt oder zwei. Man kann sich aber genauso gut an Robert Lembkes Fernseh-Quiz „Was bin ich?“ erinnern: Da kam am Ende immer ein Prominenter, und das Rateteam versuchte, über Fragen, die nur mit ja oder nein zu beantworten waren, seine Identität zu enthüllen, was meistens gelang.

Okay, es ist nicht garantiert, dass man mit zehn Fragen ans Ziel kommt. Aber die beiden Ausgangsfragen, wenn es um die Musik von heute geht, der Ursprung aller Überlegungen über Art, Ausrichtung, Ausdruck, Attitüde jedweder Gruppe und jedweden Musikers ist: Klingt es wie die Beatles? Und wenn nicht: Klingt es wie Kraftwerk? Hier zweigt alles relevante popmusikalische Tun ab, verzweigt und verästelt sich, und irgendwann ist man bei seiner Band oder seinem DJ. Wer so nicht weiterkommt, sollte dringend sein Musikverständnis überprüfen – eher aber seinen Puls.

Von „Autobahn“ bis „Tour De France“

Gemein haben die beiden Bands entsprechend: nichts. Außer vielleicht die Kompaktheit ihrer Hinterlassenschaft. Acht Alben umfasst das Oeuvre von Kraftwerk. Eigentlich ja mehr, aber die drei zwischen 1970 und 1973 noch konventionell produzierten Platten unter dem Label Kraftwerk sehen die Musiker um den konzeptionellen Mastermind Ralf Hütter, Jahrgang 1946, als nachrangige Aufwärmübungen. „Der Katalog“, wie er nun wahlweise als Blue-ray-Sammlung zum Schauen und CD- oder Vinyl-Box zum Hören vorliegt, beginnt mit ihrem stilbildenden ersten Welterfolg „Autobahn“ und endet mit dem unterschätzten, atemberaubenden Spätwerk „Tour De France“.

Wo soll man anfangen, wo soll man aufhören bei dieser monumentalen Retrospektive, die Hütter im Übrigen explizit nicht als Best-of-Box verstanden haben will, sondern als neues Projekt. Zu sehen sind die viel bestaunten Auftritte von Kraftwerk in den Kunsttempeln dieser Erde, dem MoMA in New York oder auch in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Zu hören die dazu quasi als Live-Soundtrack konzipierten Neueinspielungen des Kraftgesamtwerks.

Wie Frisch aus dem Presswerk

Die haben es natürlich schon von daher in sich, dass die Musik seit je organisch angelegt war – und die Idee hinter einem Song jeweils auf eine Weise epochal, dass sich das Produkt der technischen Entwicklung anpassen kann, ohne sie zu verraten. So mögen die Originalfassungen etwa von „Die Mensch-Maschine“ oder „Computerliebe“ noch immer so klingen als seien sie eben erst frisch aus dem Presswerk gekommen – von den Dingen, die hier zu hören sind, würden weder Jay-Z noch Coldplay auch nur zu träumen wagen.

Optischer und musikalischer Höhepunkt in der von Beifall oder anderen störenden Gemütsbewegungen bereinigten Aufnahmen ist „ein kleines Musikstück“, vor 25 Jahren geboren und heute das, was man im Jargon ein „Brett“ nennt: „Ich bin der Musikant mit dem Taschenrechner in der Hand“, sprechsingt Hütter in der ihm eigenen Emotionslosigkeit. Dazu gleiten Finger im Takt über einen stilisierten Kleinrechner, und die Zahlen darauf beginnen zu tanzen. Und wer zuhause hinreichend belastbare Lautsprecher und Nachbarn hat, tut es ihnen nach. Zelebriert wird hier ja nicht weniger als die Befreiung der Musikkultur aus dem Muff des authentischen Schweißes und der körperlichen Ertüchtigung.

Etwas inkonsequent ist dabei, dass die vielen in die Luft gereckten Fan-Handys aus den Filmaufnahmen gemorpht sind. Hütter ist da eigen und sich des Widersinns vermutlich sogar bewusst: Die Demokratisierung von Information, die Transformation von Bildern und Klängen in Datenmengen, deren digitale Verfügbarkeit durch weltweite Vernetzung und über immer raffinierteres Kleingerät – das alles beschwor er schon vor Jahrzehnten.

Kraftwerk waren immer mehr als Kunstprojekt

Heute sitzt er bekanntlich wie ein Zerberus auf jeder noch so kleinen seiner Rhythmus- und Soundspuren und überzieht jeden, der sich ihnen unautorisiert nähert, mit Klagen. Aber so ist das mit den Geistern, die man ruft – man muss dann damit leben, dass auch Kretins wie Moses Pelham und Scooter dabei sind.

Von deren Schaffen sind Kraftwerk tatsächlich etwa so weit weg wie die Partitur, die zur „Kometenmelodie“ unter dem Himmelskörper dahingleitet, irgendwo in der Unendlichkeit. Nicht dass man so genau wüsste, worin ihr Handwerk besteht, zumal auf der Bühne. Alle vier Herren verharren, in enge Raumanzüge gewandet, hinter einer Art elektronischem Altar. Was sie da machen, ob sie überhaupt was machen, bleibt unklar. Und ist im Zweifelsfall auch egal. Kraftwerk waren immer mehr als Kunstprojekt konzipiert denn als „Band“, und Hütter, dessen wenige Interviews legendär unbrauchbar sind, beherzigt so konsequent wie sonst nur Gerhard Richter den Grundsatz, dass sich Künstler nicht erklären müssen.

Ein famoses Bild- und Tonspektakel ist das Ganze jedenfalls, und als ein Stück deutschen Kulturguts gehört es in jeden Haushalt. In angemessener Aggregatsform, versteht sich: als Download auf dem Datenstick. Gemäß dem von Kraftwerk vor 30 Jahren ausgegebenen Motto: „Elektroklänge überall/Dezibel im Überschall/Music non stop, Techno-Pop.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion