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Die Musik mag schlendern, die Texte Casey Blacks haben düstere Wucht.

CD Casey Black "See The Black Sea"

Eisige Zeiten

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Der Singer-Songwriter Casey Black erzählt ein Album lang von einem fiktiven Russen: "See The Black Sea".

Auf der CD-Hülle ist Alexander Solschenizyn zitiert: Ein Mensch, dem warm ist, kann keinen Menschen verstehen, der friert. Das Album selbst erzählt in zwölf Liedern von der Jugend, Verhaftung, Brutalisierung, Zerstörung einer fiktiven Figur namens Ivan – kein Mensch, in dessen Haut man stecken möchte. Die Perestroika ist noch weit, die Zeiten sind eisig. „When Love Runs Out“ heißt der vorletzte, der elfte Song, sein Sprecher, Ivan, hat gelernt zu töten, ohne darüber nachzudenken. Dabei erwartete er doch nur von seinem Leben, dass er es wenigstens durch seine Augen sehen darf.

„See The Black Sea“ ist das fünfte Album des Singer-Songwriters Casey Black, doch das erste, das auch in Europa vertrieben wird. Man könnte meinen, dass Black durch seinen Vater Charlie, erfolgreicher Songschreiber in Nashville, einen Fuß im Country hat, sein brummiger Sprechgesang erinnert auch in Momenten an Johnny Cash. Doch hat „See The Black Sea“ mehr Rock-Rauheit als Country-Munterkeit.

Schnörkel halten sich in Grenzen

Oft begleitet sich Casey Black selbst unauffällig auf der akustischen Gitarre. Schnörkel halten sich in Grenzen, die Melodien sind kein Ausbund an Originalität. Um der Dramaturgie willen zieht auch mal das Tempo an, greift eine E-Gitarre dunkel wimmernd ein (Bob Hartry), schwillt die Percussion (Terence F. Clark), in Maßen. Im Vordergrund aber steht von den ersten, noch unbegleiteten Sekunden an die Baritonstimme, sie hat Kraft, Kanten und Ecken. Persönlichkeit. Manchmal knurrt und grollt sie, macht nicht viel Federlesens mit den Wörtern. Immer ist sie ein Kontrapunkt zu eher vertrauten Harmonien, sie raut die Atmosphäre auf, wo die Musik schlendert.

Dabei ist Black ein Erzähler, Stimmexzesse, besonders in die Höhe, sind seine Sache nicht. „Springsteenian“ wurde schon genannt, wie er seine dunklen Geschichten präsentiert (das wäre am ehesten der Springsteen von „Nebraska“). Es ist ein intensiver, stets präsenter Gesang.

Ungewöhnlich, wie Casey Black sich für die Geschichte eines fiktiven Russen entschieden hat, sie sogar in Lebensabschnitte gliedert. Die Texte haben düstere Wucht und vermeiden alle Popsong-Klischees. Gegen Ende, Titel „The Show“, berichtet Ivan von einer Art Tribunal mit Folter, nach der er bereit ist, einfach alles zu gestehen, was man von ihm hören möchte. Ausnehmend flott kommt dieser Song daher, man könnte es musikalische Ironie nennen.

Es ist gut, ein Tier zu sein, heißt eines der Lieder: „It’s good to bite and to be bit, to be wet with sweat and spit“. Das ist mal eine andere Art von, nun ja, Liebeslied auf einem Album, das viel weniger Kompromisse macht, als man beim ersten Hören denken könnte.

Casey Black: See The Black Sea. Tonetoaster Records.

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