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Die Einsamen und das „ei“

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Christian Gerhaher mit seinem "Nachtviolen"-Programm beim Rheingau Musik Festival in der Lutherkirche Wiesbaden.
Christian Gerhaher mit seinem "Nachtviolen"-Programm beim Rheingau Musik Festival in der Lutherkirche Wiesbaden. © Ansgar Klostermann / RMF

Der Bariton Christian Gerhaher und sein Pianist Gerold Huber mit „Nachtviolen“ beim Rheingau Musik Festival in Wiesbaden.

Ein nachdenklicherer Liedsänger will einem in der Gegenwart nicht einfallen. Das sensationelle Gesprächsbuch, das das im vergangenen Jahr belegte (?Halb Worte sind?s, halb Melodie?, Henschel/Bärenreiter), kann seine Leser hinfort nicht nur durch die Welt des Kunstliedes im Allgemeinen begleiten, sondern auch sehr konkret durch den Konzertkosmos des Baritons Christian Gerhaher, dem nachzureisen eine Freude sein müsste.

Dazu gehört der Notenständer, zu dem Gerhaher sich um 2005 herum entschloss, weil er die „verheerende und quälende“ Angst, doch eine Zeile im entscheidenden Moment nicht zur Hand zu haben, nicht mehr ertragen wollte („ein enormer Zugewinn an Lebensfreude“).

Dazu gehört das Wissen um die Anspannung und den Stress eines Auftrittstages: „Ich muss meinen geistigen und körperlichen Umsatz maximal reduzieren, um am Abend auf dem Punkt das Erwartete möglichst liefern zu können. Und wenn man so viele Konzerte sing, wie ich das tue, bedeutet das oft ein Ausmaß an Lebensverlust, das mich verstimmt.“

Dazu gehört aber auch der reflektierte Umgang mit der Frage der Emotion im Liedgesang: „Ich glaube, man muss die Emotionalität, wenn einen auf der Bühne etwas sehr stark berührt – und das passiert mir bei Liederabenden Gott sei Dank –, von dem aktiven Tun ganz klar trennen.“

So geschah all dies nun wieder beim Auftritt während des Rheingau Musik Festivals in der Wiesbadener Lutherkirche, einem wunderbaren Konzertort, auch akustisch, wenngleich nicht so ideal für jene Zuschauer, die im völlig ausverkauften Haus nichts sehen konnten.

Es gibt etwas zu sehen, wenn Gerhaher singt. Man sieht die Anstrengung, die es kostet, die unerhörte Leichtigkeit herzustellen, die dann eben doch zu hören ist. Man sieht die Schwierigkeit, einen Vokal, einen Diphthong „ei“ beim Singen mit der Natürlichkeit der gesprochenen Sprache hervorzubringen. Umso anspruchsvoller, als Gerhaher gewiss kein deklamierender, sondern definitiv ein singender, mit den Jahren immer Fischer-Dieskau-ähnlicher singender Sänger ist.

Vergänglichkeit und Fortleben

Das Programm „Nachtviolen“ basiert auf der gleichnamigen CD von 2014. Enthalten sind ausschließlich Lieder von Franz Schubert, einiges Abseitiges darunter und verschwindend wenige Goethe-Texte. Die Anordnung ist ungemein raffiniert, stark – wie immer bei Gerhaher – von den Texten her gedacht, die aufeinander reagieren und in den günstigsten Momenten eine erzählende Zyklus-Logik bekommen. Auf den melancholischen Blick Richtung Vergänglichkeit („An den Mond in einer Herbstnacht“) folgt Goethes rüstiger Optimismus Richtung Fortleben durch das Werk („Hoffnung“). Larmoyanter Resignation („Herbst“) folgen ein nun quasi letztes zorniges Sich-Aufbäumen gegen die trübe Gegenwart („Über Wildemann“) und die transzendente Heiterkeit eines Einsamen („Der Wanderer“). Einsamen – viele davon kennt die Nacht – folgt überraschend die tragische Beziehungskiste „Der Zwerg“ und entfaltet eine Kraft, die in einer Balladen-Umgebung kaum denkbar wäre.

Gerhaher, dessen leichte Indisposition angesagt wurde (und das Programm minimal veränderte), wirkt ohnehin nie mühelos und klingt nur so. Manchmal klingt er nicht einmal so, eigentlich weder in der Höhe noch in der Tiefe. Aber bei zugleich maximaler Sicherheit, bei einem völlig ungepressten Endresultat erhöht das lediglich die Intensität. Höchst gezielt die Ausbrüche ins Wuchtige.

Höchst hinreißend die Zusammenarbeit mit seinem jahrzehntelangen Begleiter am Klavier, Gerold Huber. Sie verstehen sich blind. Huber geht zudem völlig in eins mit Gerhahers zu Ende gedachtem Umgang mit jedem Detail. Die einzige Zugabe – nicht dass die Zuschauer nicht gerne noch weitere gehört hätten – blieb „Im Abendrot“, und zarter und bestimmter kann kein „Nein“ sein, näher Wort an Gesang nimmer kommen.

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