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Christopher von Deylen mit iranischen Fans.

"Schiller" in Teheran

"Es ist einfach eine andere Welt, Punkt."

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Christopher von Deylen im Interview: Der Musiker ist mit seinem Projekt "Schiller" in Teheran aufgetreten ? als erster westlicher Popmusiker seit 39 Jahren.

Christopher von Deylen, Sie sind gerade aus Teheran zurückgekommen, wo Sie mit Ihrem Musikprojekt Schiller aufgetreten sind. Und zwar als erste westliche Popband seit der islamischen Revolution. Wie kam es dazu?
Dass es das erste Konzert seit 39 Jahren ist, wurde mir erst bewusst, als ich schon in Teheran war. Für die Vorbereitungen war das allerdings völlig unerheblich. Das hat die Gänsehaut, die ich sowieso schon hatte, nur noch einmal verstärkt. Vor vier Jahren bekam ich die erste E-Mail von dem Veranstalter, der jetzt die Konzerte durchgeführt hat. Es gäbe eine große Anzahl von Schiller-Fans im Iran, ob ich dort nicht mal spielen wolle? Entsprechende Genehmigungen vom Innenministerium lägen bereits vor. Ich war durchaus verblüfft. Es gibt immer mal wieder Anfragen aus dem Ausland, teilweise auch obskurer Art. Und auch diese verlief erst mal, wie so oft, im Sande. Aber genau in dem Moment, als ich mich im August 2017 auf die „Klangwelten“-Tour in Deutschland und Europa vorbereitet habe, kam wieder eine Mail aus Teheran: Man würde dann jetzt gerne im Dezember fünf Konzerte in Teheran veranstalten. Ich habe selbstverständlich sofort Ja gesagt.

Gab es gar keine Hürden?
Nein, Hürden gab es keine. Meine Vorfreude war unglaublich groß. Ich wusste natürlich nicht, was mich bei den Konzerten erwartet, aber die Neugier hat wie so oft gesiegt. Am Ende hat mich die euphorische Reaktion des Publikums und die Gastfreundschaft unserer Veranstalter vollkommen sprachlos gemacht.

Sie sind mit Schiller viel gereist, von der Mojave-Wüste bis zur Arktis. Waren Sie zuvor noch nie im Iran?
Doch, vor zehn Jahren. Als ich mit dem Auto von Berlin nach Kalkutta gefahren bin, habe ich knapp zwei Wochen im Iran verbracht. Nicht in Teheran, aber in anderen Regionen. Daher wusste ich, dass der Iran zu den Ländern gehört, bei denen die vermeintlich aufgeklärte Außenwahrnehmung und die Wirklichkeit weit auseinanderklaffen. Was man selbst als interessierter Zeitungsleser glaubt über den Iran zu wissen, hat sehr wenig zu tun mit dem, was man dort in der Realität vorfindet. Die gut gemeinten Ratschläge vor meiner Abreise, ich solle bloß aufpassen, dass man mich nicht am nächsten Baukran aufgehängt, habe ich geflissentlich überhört (lacht).

Die kamen wohl von Leuten, die zu viel „Homeland“ geguckt hatten ...
... genau. Natürlich gibt es, wie in vielen anderen Ländern auch, finstere Kapitel in der Geschichte des Iran. Nachrichtenbilder, die sich gerade auch meiner Generation sehr eingeprägt haben. Aber man darf nicht vergessen, dass die 40, 50 Jahre alt sind. Die positive Stimmung, in der wir uns dort wiederfanden, war entwaffnend. Andererseits sind die meisten Menschen im Iran sehr stolz und selbstbewusst. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass dort ein Volk nur darauf wartet, möglichst schnell genau den gleichen sogenannten „way of life“ zu leben, von dem wir glauben, er sei das Maß aller Dinge.

Sie sind also nicht als westlicher Beglücker dort angereist?
Keineswegs. Das Gefühl habe ich zum Glück auch zu keiner Sekunde gehabt. Es ist einfach eine andere Welt, Punkt. Das hat man zur Kenntnis zu nehmen, wie ich meine. Wir lassen uns ja bekanntlich auch nicht so gerne in unsere Angelegenheiten hineinreden.

Trotzdem. Sie waren nun der Erste. Den letzten Versuch gab es 2008 mit einem Konzert von Chris de Burgh. Der Sänger war schon vor Ort, doch dann wurde der Auftritt in letzter Sekunde abgesagt. Man will ja nicht unbedingt als noch unkontroverser als Chris de Burgh gelten. Warum, denken Sie, hat es denn ausgerechnet bei Ihnen geklappt?
Dafür habe ich zwei mögliche Erklärungen. Die erste könnte sein, dass meine Alben zum großen Teil aus Instrumentalstücken bestehen. Und das „Klangwelten“-Live-Programm, von dem ich unlängst 50 Konzerte in Deutschland gespielt habe und Anfang 2018 noch weitere knapp 30 spielen werde, ist sowieso rein instrumental. Und das haben wir auch in Teheran gespielt. Gesang macht es wohl tatsächlich nicht einfacher, dort aufzutreten, wenn man aus dem Westen kommt. Und zweitens hat sich im Iran in den neun Jahren seit Chris de Burgh scheinbar doch einiges getan.

Gab es die Auflage, keine Stücke mit Text aufzuführen?
Ich habe das gespielt, was ich hier auch spielen würde, habe nichts verändert und nichts weggelassen. Es kommen einzelne gesprochene Passagen vor, aber, wie gesagt, kein Gesang. Wie weit meine Kompromissbereitschaft gegangen wäre, kann ich deswegen gar nicht sagen. Was mir jedoch eine unglaubliche Gänsehaut bereitet, ist, dass eine Musik, in der ich ja über die Zeit meine Emotionen kanalisiert habe, ihren Weg in einer völlig anderen Welt und in eine andere Kultur findet. Warum das ausgerechnet mit meiner Musik funktioniert, versuche ich lieber erst gar nicht zu verstehen. Es erfüllt mich aber mit tiefer Dankbarkeit und einem gerüttelt Maß an Demut, dass die romantische Energie meines Schaffens dort auf fruchtbaren Boden fällt.

Sie haben im großen Saal des Innenministeriums gespielt, quasi im Zentrum der Macht. Ist das der normale Auftrittsort in Teheran?
Offensichtlich. Es ist wohl erst unlängst eine neue Halle gebaut worden, aber die hat eine geringere Kapazität.

Wie viele Besucher fasst denn der Saal des Innenministeriums?
3000 Zuschauer. Man sieht der Halle allerdings nicht an, dass sie sich auf dem Gelände des Innenministeriums befindet. Das Kulturministerium ist scheinbar Teil des Innenministeriums und war offenkundig bei den Genehmigungen und der Erteilung der Visa involviert.

Was war das für ein Publikum, können Sie das beschreiben?
Ein ausgesprochen junges, zwischen 20 und maximal 40 Jahren. Sehr lebhaft und aufgeschlossen. Ich habe immer wieder eine reine, pure Begeisterung in den Augen gesehen. Unvergesslich.

Männlich wie weiblich?
Ja, ungefähr Hälfte, Hälfte. Und durchaus ausgelassen. Viele Zuschauer erzählten mir, dass sie mit meiner Musik aufgewachsen seien. Deshalb sei das Konzert für sie ein besonderes Erlebnis, unabhängig von der Tatsache, dass ich jetzt der erste westliche Popmusiker war.

Gab es Regeln für das Publikum. Durfte getanzt werden?
Es durfte gemäß der religiösen Regeln nicht getanzt werden, übrigens unabhängig vom Geschlecht. Klatschen und Jubeln unterlagen dagegen offensichtlich gar keiner Beschränkung. Beim ersten Konzert hatten wir noch keinen einzigen Ton gespielt, da gab es schon einen ohrenbetäubenden minutenlangen Jubel. Zum Tanzverbot möchte ich noch sagen, dass wir auch in Europa fast alle Konzerte bestuhlt spielen. Da kommt es nur in Ausnahmefällen vor, dass jemand das unstillbare Bedürfnis hat, tanzen zu wollen. Und dann kommen geschwind die eifrigen Security-Menschen und sorgen dafür, dass die Tanzwilligen den Gang frei machen und sich wieder hinsetzen – nur, dass das bei uns aus Gründen des Brandschutzes geschieht. Hat aber den gleichen Effekt (lacht).

Gab es auch solche Regeln für Sie?
Nein, da gab es keine. Wissen Sie, ich bin sehr dankbar dafür, dass mir das Publikum in meinem bisherigen Leben ermöglicht hat, relativ geradlinig und konsequent meinen Weg zu gehen. Ich empfinde das als großes Privileg. Diese Woche im Iran, das war für mich wie eine kleine Rückführungstherapie auf die Urkraft von Musik. Wirklich einmalig.

Worauf hat das Publikum am stärksten reagiert?
Auf die rhythmischen und energetischen Teile der Stücke. Weshalb ich das Programm von Tag zu Tag energetischer gestaltet habe. Es war spannend zu sehen, wie das Publikum auf musikalische Akzente reagiert, die mir bisher vielleicht selbst gar nicht so aufgefallen sind. Auf einmal stelle ich fest: Wenn ich an diesem Synthesizer den Filter etwas mehr aufdrehe, dann steigert das die Jubelquote. Das ist natürlich eine große Verlockung: Man dreht an einem Knopf und der Saal tobt. Beim fünften Konzert bin ich wieder etwas vorsichtiger geworden. Ich wollte das Publikum nicht in die Verlegenheit bringen, sich unnötig stark bremsen zu müssen, oder aus dem dort vorgesehenen Rahmen zu fallen. Nicht, dass es anschließend heißt, die Versuchung aus dem Westen wäre doch zu groß. Die erlebte kulturelle Öffnung ist ja an sich schon ein Geschenk. Daher: Eins nach dem anderen.

Interview: Christian Bos

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